NaturFreunde werben für die solidarische Transformation

Die Verbindung von sozialer und ökologischer Gerechtigkeit stand im Mittelpunkt des 29. Bundeskongresses der NaturFreunde Deutschlands - Michael Müller mit breiter Mehrheit als Bundesvorsitzender wiedergewählt

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Die gesellschaftliche Transformation zu mehr Nachhaltigkeit und Solidarität stand im Mittelpunkt des 29. Bundeskongresses der NaturFreunde Deutschlands vom 4.–6. April im thüringischen Arnstadt. Der mit breiter Mehrheit wiedergewählte NaturFreunde-Bundesvorsitzende Michael Müller warnte eindringlich davor, sich der Verantwortung für die Lebenschancen zukünftiger Generationen zu entziehen und verwies dabei insbesondere auf die immer weiter voranschreitende Zerstörung der biologischen Vielfalt, die Klimakrise, die rapide zur Neige gehenden fossilen Ressourcen, den Zuwachs von Nahrungsmittelengpässen, Armut und Spekulation sowie die weiterhin schwelenden Finanzkrisen.

Michael Müller: „Wir sind an den Grenzen des Wachstums angelangt, die Natur schlägt zurück. Wir erleben heute einen echten Epochenbruch, der das Leben aller Generationen verändern wird. Das ‚Weiter so‘ funktioniert nicht mehr, wenn wir keine Zukunft der Gewalt wollen. Aber das Zeitfenster für Korrekturen wird immer kleiner.“

Der Bundeskongress ist das höchste Gremium der NaturFreunde Deutschlands, bestimmt Ausrichtung und Aktivitäten des Verbandes für Umweltschutz, sanften Tourismus, Sport und Kultur, wählt unter anderem den Vorstand und findet alle drei Jahre an wechselnden Orten statt.

NaturFreunde plädieren für ein neues Naturverständnis

Die NaturFreunde Deutschlands plädieren für die Entwicklung eines neuen Naturverständnisses, das die Natur als limitierenden Faktor für die Entwicklungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Technik anerkennt: Die Wirtschaftsordnung und die Technikentwicklung müssen sich den sozialen und ökologischen Zielen anpassen und nicht umgekehrt. Dabei muss sich die Gesellschaft aus der Abhängigkeit des Wirtschaftswachstums befreien, die sich immer stärker zulasten der ökologischen und sozialen Lebensbedingungen auswirke, so Müller, der immer wieder betonte: „Wir dürfen Wachstum nicht mit Entwicklung und Fortschritt verwechseln.“

Michael Müllers Grundsatzrede als Präsentation

Bundesumweltministerin will soziale Gerechtigkeit verstärkt in Klimapolitik einbinden

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks kündigte als Gastrednerin unter starkem Beifall an, den Aspekt der sozialen Gerechtigkeit verstärkt in die Klimapolitik einzubinden: Die Energiewende dürfe nicht zulasten der finanziell Schwächeren gehen. Zudem erklärte sie den NaturFreunden, die bereits seit dem Jahr 1963 den zivilen und militärischen Atomausstieg fordern, den Stand des Atommüll-Endlagersuchgesetzes und der Atommüllkommission.

Anton Hofreiter, der als Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90 / Die Grünen, aber schließlich auch als NaturFreund zu den Delegierten sprach, verwies auf die vielen Erfolge der Umweltbewegung, warb gleichzeitig aber dafür, bei der sozialökologischen Transformation der Gesellschaft nicht nachzulassen: „Wir stehen vor zwei gigantischen Herausforderungen: dem Klimawandel und dem Artensterben“, so Hofreiter: „Das sind Katastrophen, die sich mit technischen Lösungen nicht in den Griff kriegen lassen. Die ökologische Transformation der Wirtschaft und unseres Lebensstils muss einfach gelingen, dazu gibt es keine Alternative. Was machen wir denn, wenn die Natur ihre Ökosystemdienstleistungen einstellt? Dann wird es für alle ganz, ganz eng.“

Beschlüsse für den Atomausstieg bis zum Jahr 2014 und gegen TTIP-Verhandlungen

Die etwa 120 Kongressdelegierten verhandelten rund 50 Anträge und fassten unter anderem detaillierte inhaltliche Beschlüsse für die sozialökologische Transformation der Gesellschaft, den Umbau des Energiesystems, den Atomausstieg bis Ende des Jahres 2014, eine sozialökologische Verkehrswende, die Festschreibung von Lärmobergrenzen, ein Verbot von Agrotreibstoffen, den Schutz der Alpen oder auch die Fahrradmitnahme in Bahnen sowie eine faire Chance für den Wolf. Gleichzeitig sprachen sich die Delegierten gegen Fracking, die weitere Versalzung von Werra und Weser oder den Einsatz von Kampfdrohnen aus.

Zudem wurden Forderungen an die Umweltpolitik der Europäischen Union formuliert und vier Resolutionen verabschiedet: „Für eine sozial gerechte Gesellschaft“, „Sofortige Beendigung der TTIP-Verhandlungen zwischen EU und den USA“, „Energiewende – aber richtig“ und „100 Jahre 1. Weltkrieg – Europas Erbe und Auftrag.“

Nachhaltiger Natursport ist wichtiger Verbandszweck, Friluftsliv-Philosophie wird gestärkt

Eine willkommene Abwechslung zu den intensiven Debatten bildete ein Natursport-Praxisteil, in dem die Bundesfachgruppen Berg-, Kanu-, Schneesport und Wandern den Delegierten Ausbildungsangebote vorstellten und zu Aktivitäten an der Kletterwand, auf der Slackline oder am Paddeltrainer einluden. Der Kongress verabschiedete zudem einen Beschluss, der die nachhaltige Natursportausübung als wichtigen Verbandszweck betont und auch einen Bezug zur Traditionslinie der skandinavischen Friluftsliv-Philosophie herstellt.

Die NaturFreunde Deutschlands sind ein sozialökologischer und gesellschaftspolitisch aktiver Freizeitverband und haben in Deutschland rund 75.000 Mitglieder in 630 Ortsgruppen mit mehr als 400 Naturfreundehäusern. NaturFreunde engagieren sich ehrenamtlich für die nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft und setzen dabei auf soziale und ökologische Verantwortung.

Mitglieder der NaturFreunde Deutschlands waren und sind SPD-Parteivorsitzende (etwa Willy Brandt oder Sigmar Gabriel), Minister unterschiedlicher Parteien, Gewerkschaftsvorsitzende und zahlreiche Bundestagsabgeordnete. Vor 75 Jahren versuchte NaturFreund Georg Elser, Hitler und seine Bande zu stoppen. Die NaturFreunde werden auch die „grünen Roten“ genannt.