Der Große Baikal Trail

Wie der erste ökologische Fernwanderweg Russlands gebaut wird

Über 1.800 Meter hoch sind die Berge auf der „Heiligen Nase“ im Baikalsee, dessen 2.100 Kilometer langes Ufer im Dunst verschwindet.
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Mein Camp liegt auf der „Heiligen Nase“, direkt am Ufer des Baikal. Um mich herum gibt es unendlich viel Blau und Grün, dazu ein paar Zelte. In den nächsten zwei Wochen werden hier 17 Freiwillige leben – aus Moskau, Sankt-Petersburg und Novosibirsk, aber auch aus Neuseeland, der Schweiz und der Slowakei. Ich bin aus Würzburg, 42 Jahre alt, und unter anderem Wanderwegewart der dortigen NaturFreunde.

„Heilige Nase“ (russ: Святόй Нос), so wird eine große Halbinsel ungefähr auf halber Höhe des östlichen Seeufers genannt. Insel und Ufer gehören zur Republik Burjatien, dem buddhistischen Zentrum der Russischen Föderation. Möglicherweise kommt das „Heilige“ daher. Die Form der Insel erinnert mich aber eher an Mr. Burns von den Simpsons. So oder so: Das Eiland ist fast menschenleer und das Wasser kalt und klar.

Hacken, Schaufeln und Mückenspray
Ich bin in einem Arbeitscamp für den Großen Baikal Trail (siehe Infokasten). Brigadier Roman aus Irkutsk erklärt die Aufgaben: 500 Meter Wanderweg aus einem Vorgängerprojekt freischneiden und neu planieren, eine weitere Trasse sowie einen Rastplatz bauen. Sechs Stunden am Tag, fünf Tage lang, dann zwei Tage frei. Hacken, Schaufeln und Sägen liegen bereit, Mückenspray auch. Ach ja, den Küchendienst müssen wir noch aufteilen. Wobei die Küche nur aus einer großen Feuerstelle besteht. Dafür mit fantastischem Seeblick.

Gleich am ersten Abend habe ich eine offene Blase am großen Zeh. Eigentlich wollte ich die neuen Schuhe nur kurz einlaufen, habe bei der ganzen Arbeit dann aber das Wechseln vergessen. Wir sind schon ziemlich vorangekommen: Der neue Pfad soll in Serpentinen durch einen steilen Nadelwald führen. Im Wald herrscht eine ganz spezielle Stimmung: Überall fantastische Blumen, durch die Bäume glitzert tief unten der Baikal und es riecht nach sibirischem Sommer.

Ein Trail um den Seel

Der 1.642 Meter tiefe Baikalsee (russ: όзеро Байкά́л) liegt auf einer Weltkarte knapp über der Mongolei. Er ist 673 Kilometer lang, bis zu 82 Kilometer breit und der größte Süßwasserspeicher des Planeten. Hier leben 2.600 verschiedene Tier- und Pflanzenarten, zwei Drittel kommen ausschließlich am Baikal vor.

Der Große Baikal Trail (russ: Большая Байкальская Тропа) soll den Baikal auf 2.100 Kilometern umrunden und befindet sich im Aufbau. Seit dem Jahr 2003 haben rund 5.000 Helfer aus 25 Ländern mehr als 350 Kilometer Wanderwege erstellt.

www.greatbaikaltrail.org

Es gibt Bärenspuren – und den Omul
Ökologischer Wanderwegebau bedeutet hier: Wir bauen fast ausschließlich mit Holz, Steinen und Erde aus der unmittelbaren Umgebung und wollen so wenig wie möglich in die Natur eingreifen. Das ist gut und erinnert mich an die gemalten Wandermarkierungen bei den NaturFreunden. Aber es ist schwierig. Brigadier Roman setzt auf Qualität und rüttelt immer wieder an den Pfosten. Was wackelt, reißt er wieder raus. Am Anfang ist das alles. Langsam lernen wir dazu und schließlich steht die erste Bank.

Weil die Zivilisation so weit weg ist, sind die Naturerlebnisse hier viel intensiver als zuhause. Ich beobachte fantastische Schmetterlinge, riesige Kormoran-Formationen und akrobatische Kämpfe zwischen Wespen und Fliegen. Es gibt Respekt einflößende Bärenspuren. Die Kräuter duften verführerisch und der Geschmack des Omul, einer nur hier heimischen Fischart aus der Familie der Lachsfische, ist so lecker, dass ich ihn hoffentlich nie vergessen werde.

Damit es Essen gibt, sind jeden Tag drei Freiwillige „on duty“. Das bedeutet: Eineinhalb Stunden früher aufstehen, Kochstelle reinigen, Feuer machen, Wasser holen, Tee und Kascha, wie die Grütze hier genannt wird, kochen, Brot und Aufschnitt schneiden, dann alle wecken. Ohne Kühlschrank bedeutet auch ohne Butter und Milch und das Brot wird jeden Tag härter. Abends gibt es meist leckere Suppe, Marek aus der Slowakei schwört auf viel Knoblauch. Vegetarisch geht auch, alle sind zufrieden.

Brigadier Roman lebt hier seinen Traum
Hauptsprachen sind Russisch und Englisch. Olja übersetzt vortrefflich in dem ganzen Kauderwelsch. Überhaupt ist die Organisation perfekt. Was wann durch wen zu tun ist, erklärt Roman immer wieder gerne. Neben der Campleitung macht der 28-Jährige auch die Öffentlichkeitsarbeit für das Projekt. „Ich mag den See, ich mag die Natur, ich mag das Wandern, ich mag das Projekt“, erzählt er. „Ich lebe meinen Traum.“

Am Ende haben wir unser Arbeitspensum tatsächlich geschafft und sind ziemlich stolz auf uns. Alle waren mit großem Engagement und offenem Herzen dabei und haben sich gegenseitig eingeladen. Für mich war es der schönste „Urlaub“, den ich bisher hatte und auch ich würde gerne Roman, Olja, Rudi, Mascha, Marek, Natascha, Tamara, Rosa, Claudia, Galia, Max, Nadine, Peter, Nastja, Igor und Stjoscha in Würzburg begrüßen. Wir planen schließlich auch einen Trail, den ersten Würzburger Natura Trail.

Gunnar Lorenz
NaturFreunde Würrzburg
Dieser Artikel erschien zuerst in der NATURFREUNDiN 4-2016.