„Der ‚neue Ehrenamtliche‘ ist unbequemer“

Professor Sebastian Braun empfiehlt eine „Partizipationskultur“ für Engagierte

Sebastian Braun
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Sebastian Braun (44) ist Professor für Sportsoziologie an der Berliner Humboldt-Universität und forscht seit langem über Bürgerschaftliches Engagement. Er war stellvertretender Vorsitzender der Sachverständigenkommission der Bundesregierung zur Erarbeitung des „Ersten Engagementberichts“.
Kontakt: braun@hu-berlin.de

NATURFREUNDiN: Herr Professor Braun, Ihr Forschungsgebiet ist das „Bürgerschaftliche Engagement“. Was ist damit gemeint?

Sebastian Braun: Vielfältige Formen des Engagements im öffentlichen Raum – vom ehrenamtlichen und freiwilligen Engagement über den sozialen oder karitativen Einsatz bis hin zu politischer Beteiligung. Es geht also um Engagementformen, die jenseits der Erwerbsarbeit, des staatlichen Verwaltungshandelns und der Privatsphäre erbracht werden.

Der aktuellen Freiwilligenstudie des Familienministeriums zufolge engagieren sich 43,6 Prozent der Deutschen ab 14 Jahren freiwillig. Trotzdem klagen viele Vereine über Mitgliederschwund und mangelnde Bereitschaft, Ämter zu übernehmen. Wie passt das zusammen?

Offenkundig binden sich viele Menschen nicht mehr so langfristig und intensiv an traditionelle Großorganisationen wie Parteien, Gewerkschaften oder Verbände. Eine langfristige, emotionale Bindung an die Ziele eines Verbandes ist vielfach aber wichtig, um über die reine Mitgliedschaft hinaus Zeit und Wissen zu spenden und Ämter wahrzunehmen. Die Organisationen können heute auch nicht mehr so weitreichend wie früher auf die klassische Ochsentour bauen. Zugleich hat das Selbstorganisationspotenzial der Menschen zugenommen und an Effektivität und Effizienz wie auch an gesellschaftspolitischem Einfluss gewonnen.

Wie wirkt sich das auf den Engagementwillen der Bürger aus?

Seit einigen Jahrzehnten beobachten wir einen Strukturwandel des Ehrenamts, der häufig mit den Begriffen „altes“ und „neues Ehrenamt“ umschrieben wird. Idealtypisch wuchs der „alte Ehrenamtliche“ aus dem sozialen Milieu in eine Trägerorganisation hinein, in der er sich langfristig für die „gemeinsame Sache“ engagierte.

Und der „neue Ehrenamtliche“?

Der engagiert sich tendenziell projektbezogener im Kontext seiner biografischen Gelegenheiten. Dabei erscheint der „neue Ehrenamtliche“ aus der Perspektive traditioneller Verbände unbequemer. Er fragt nach dem persönlichen Sinn seines Engagements im Verein oder Verband und handelt seltener aus einer selbstverständlichen, eingelebten Gewohnheit heraus. Dieses selbstreflexive und rational motivierte Handeln macht es schwieriger, den „neuen Ehrenamtlichen“ längerfristig an die Organisation zu binden.

Wie können sich traditionelle Vereine auf die veränderten Bedingungen einstellen?

Eine längerfristige Bindung dürfte maßgeblich davon abhängen, ob es Strukturen gibt, die für Menschen attraktiv sind. Um nur einige Punkte anzudeuten: Werden den Engagierten und potenziell Engagementbereiten anspruchsvolle – und zugleich zeitlich und fachlich nicht überfordernde – Aufgabenfelder übertragen, in denen sie mit einer gewissen Eigenständigkeit und praktisch folgenreich agieren können? Gibt es verantwortliche Personen, mit denen sie ihre Vorstellungen vom Engagement diskutieren können, um auch neue Projektideen in die Vereinspolitik einzubringen? Gibt es Partizipationschancen, die auch tatsächlich wahrgenommen werden können?

Nicht zuletzt braucht es neben einer „Willkommenskultur“ für Engagierte auch eine „Verabschiedungskultur“, die es Engagierten ermöglicht, nach einem zeitlich definierten Projekt das Engagement auch wieder „im Guten“ einzustellen.

Das Interview führte Marion Andert.
Dieser Artikel erschien zuerst in der NATURFREUNDiN 3-2016.

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