EU-Produkte dominieren afrikanische Märkte

Um Fluchtursachen zu bekämpfen, brauchen wir eine andere Wirtschaftspolitik

Slum Kibera in Nairobi (Kenia)
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Wann immer in diesen Tagen die Massenfluchten aus afrikanischen Ländern untersucht werden, kommt es zum heiligen Schwur: Die „Fluchtursachen“ müssen bekämpft werden. Zum Beispiel mit Auffanglagern in Libyen oder im Sudan. Dafür erhalten dann selbst Despoten sehr viel Geld aus westlichen Ländern.

Dabei wäre die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen in Afrika sehr viel humaner. Schon im Jahr 2008 hatte der „Weltagrarbericht“ der UNO herausgestellt, dass im Kampf gegen den Hunger nichts wichtiger ist als die Förderung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft in der Dritten Welt – und der Export der westlichen Agrarindustrie dabei mehr als kontraproduktiv ist. Eine Studie der Universität Maastricht hat zum Beispiel nachgewiesen, dass insbesondere in Deutschland viele Unternehmen ihren Sitz haben, die an schweren Menschenrechtsverletzungen beteiligt sind: etwa an Landvertreibungen für eine Kaffeeplantage in Uganda oder an Flutungen von Dörfern für einen Staudamm im Sudan.

Eine zweifelhafte Allianz gegen den Hunger
Im Jahr 2012 wurde die sogenannte „New Alliance for Food Security and Nutrition“ gegründet, die angeblich den Hunger in der Dritten Welt bekämpfen will. Die Dringlichkeit der Lage fordere eine umfassendere und wirkungsvollere Strategie und vor allem wesentlich höhere Investitionen in die Landwirtschaft, hieß es. In dieser „Allianz“ schlossen sich führende Industriestaaten und multinationale Konzerne mit zehn afrikanischen Staaten zu einer bis dahin nicht gekannten „Partnerschaft“ zusammen.

„Partner“ sind zum Beispiel die großen Akteure der Weltagrar- und -chemieindustrie sowie der Lebensmittelwirtschaft, darunter Cargill, Dupont, Danone, Monsanto, Nestlé, Syngenta, Unilever und Yara. Ihr Ziel: Die afrikanische Landwirtschaft soll mithilfe der Agroindustrie auf Massenproduktion umgestellt werden.

Doch das ginge zulasten der kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Nach Berechnungen von Oxfam basiert die Existenz von 530 Millionen Afrikanern auf landwirtschaftlichen Einkünften. Die Landwirtschaft trägt zur Hälfte zum Bruttoinlandsprodukt der Subsahara bei. Dabei spielt die kleinbäuerliche Landwirtschaft eine entscheidende Rolle. Allerdings rückt diese jetzt in den Fokus der „New Alliance“. Es geht schließlich um einen enormen Markt, der bis zum Jahr 2030 auf eine Billion Dollar Umsatz wachsen soll.

Dazu kommt ein Freihandelsabkommen der EU mit ostafrikanischen Ländern (EPA) – angeschlossen sind Kenia, Ruanda, Burundi, Tansania und Uganda –, das die Liberalisierung von 82,6 Prozent des Marktes verlangt. Über die nächsten 15 Jahre sollen alle Importzölle abgeschafft werden. Kenia, das sich dagegen wehrte, wurde mit der Verhängung von Einfuhrzöllen erpresst, etwa für Schnittblumen, Röstkaffee, Dosenananas oder verpackten Tee. Das Land lenkte schließlich ein. Die kenianische Wirtschaft verliert deshalb wahrscheinlich mehr als 100 Millionen Euro im Jahr.

Mittlerweile dominieren Agrarprodukte aus der EU die afrikanischen Märkte. Gegen industriell produziertes und subventioniertes Milchpulver aus Deutschland, Hühnerfleisch aus den Niederlanden oder Tomatenmark aus Italien können lokale Produzenten preislich nicht bestehen. In der Folge verschwinden sie vom Markt.

Europäer fischen Senegals Küsten leer
Im Jahr 1990 stammten noch 80 Prozent des in Ghana verkauften Geflügelfleisches aus heimischer Produktion. Heute sind es nur noch zehn Prozent. In den westafrikanischen Küstenstaaten betreibt die EU eine äußerst aggressive Fischereipolitik. Länder wie der Senegal, wo es auch viele NaturFreunde gibt, werden über Handelsabkommen genötigt, Fischerei-Kontingente an EU-Unternehmen abzutreten. Europäische Fabrikschiffe fischen dann die Küsten leer und senegalesische Fischer kommen mit leeren Netzen zurück. Nichtregierungsorganisationen schätzen, dass rund ein Fünftel der afrikanischen Flüchtlinge „Fischerei-Migranten“ sind

Wir brauchen deshalb möglichst direkte Handelsbeziehungen zwischen Herstellern und Konsumenten. Deutschland und Europa müssen den Grundsatz der Ernährungssouveränität achten und Ländern und Gemeinschaften erlauben, die lokale und regionale Ernährungswirtschaft gegenüber dem weltweiten Agrarhandel zu bevorzugen. Ansonsten brauchen wir uns über die Fluchten aus der Dritten Welt, vor allem aus Afrika, nicht zu wundern.

Eckart Kuhlwein, NaturFreunde Deutschlands
Dieser Artikel erschien zuerst in der NATURFREUNDiN 4-2016.