Freiwillig

43,6 Prozent der Deutschen engagieren sich unentgeltlich für gemeinnützige Zwecke – doch die Strukturen dieses Engagements verändern sich immer stärker

Wilko Akkermann hat abgewaschen. Freiwillig. Das Haus „Alter Leuchtturm“ auf Borkum suchte einen Freiwilligen für „hausmeisterliche / hauswirtschaftliche Tätigkeiten“ – und der 20-jährige Akkermann hatte sich gemeldet. Franka Müller wird sich nach ihrem Abitur ab Herbst ausgerechnet mit Schülern rumplagen, die 17-Jährige hat sich zum „Freiwilligen Sozialen Jahr“ gemeldet. Der 73-jährige Oskar Tschörner kämpft für eine „Kaltluftschneise" im Berliner Norden – auch ganz freiwillig. Warum machen die das?

„Menschen engagieren sich gegen Sachen, die ihnen missfallen“, hat der SPD-Vordenker Hermann Scheer einmal gesagt. Im Norden Berlins sollen 3.000 neue Wohnungen in der Elisabethaue gebaut werden, für Oskar Tschörner ein Frevel. Er will „die natürliche Eigenart der Landschaft“ erhalten. Menschen engagieren sich aber auch aus Leidenschaft, aus Neugier. „Ich mag die Arbeit mit Kindern“, sagt Franka Müller. In ihrem „Freiwilligen Sozialen Jahr“ will sie in einer Theatergruppe herausfinden, ob ein pädagogischer Beruf etwas für sie wäre. Der 20-jährige Wilko Akkermann sagt zu seiner Motivation: „Ich wollte mich in der Gesellschaft einbringen und meine eigene Persönlichkeit weiterentwickeln“. Fast 31 Millionen Deutsche ab 14 Jahren engagieren sich in ihrer Freizeit ehrenamtlich. Das ist ein Ergebnis des „Freiwilligensurvey“. In dieser Untersuchung im Auftrag des Bundesfamilienministeriums wird alle fünf Jahren erhoben, wie es um das bürgerschaftliche Engagement hierzulande steht. „Die aktuellen Ergebnisse sind ausgesprochen erfreulich“, erklärte Familienstaatssekretär Ralf Kleindiek (SPD) im April, als die Ergebnisse vorgestellt wurden. Demnach setzen sich 43,6 Prozent der Deutschen unentgeltlich für gemeinnützige Zwecke ein. Kleindiek: „Das entspricht in den letzten 15 Jahren einer Steigerung von zehn Prozent.“

Im Westen Deutschlands engagieren sich 45 Prozent freiwillig, im Osten gut 39 Prozent. 41,5 Prozent aller Frauen betätigen sich als Ehrenamtlerinnen, bei den Männern sind es 45,7 Prozent. Junge Menschen zwischen 14 und 29 Jahren stellen die größte Gruppe der Freiwilligen. Laut Freiwilligensurvey ist Sport und Bewegung mit 16,3 Prozent der ausgeprägteste Bereich des Engagements, es folgen Kindergarten und Schule, Kultur und Musik, dann Soziales und die Kirchen. Der letzte große Boom – die Flüchtlingshilfe – ist dabei noch gar nicht berücksichtigt: Die Daten stammen aus dem Jahr 2014.

Die Vereinsmitgliedschaft war gestern
Allerdings verraten die Zahlen nicht, wie stark sich das klassische Engagement durch neue Formen freiwilligen Einsatzes verändert hat. War es vor 20, 30 Jahren noch typisch, dass sich Freiwillige langfristig an eine Organisation banden, zeichnet sich die neue Engagementkultur durch geänderte Motivlagen und Zeitressourcen aus. In eine Organisation einzutreten und sich dort ein Leben lang zu engagieren – das war gestern. Heutzutage engagieren sich Freiwillige am liebsten kurzfristig. Und unregelmäßig.

Die Bindekraft an Organisationen über Verbandszugehörigkeit nimmt ab, es sind die Themen, die Menschen heute mobilisieren. Nur noch 45 Prozent der freiwillig Engagierten sind Mitglied in einer Organisation. Der Anteil der Personen, die sich als Nichtmitglieder in Vereinen engagieren wollen, nimmt jedoch stetig zu. Möchten Organisationen heutzutage erfolgreich Freiwillige gewinnen, müssen sie den Faktor Zeitknappheit und den Wunsch nach Zeitsouveränität respektieren. Nicht die dauerhafte Übernahme einer Tätigkeit ist Trend, sondern projektorientiertes, zeitlich begrenztes Engagement. Dies bestätigt der Freiwilligensurvey: maximal zwei Stunden Zeitaufwand bringen gut 58 Prozent der Engagierten wöchentlich für ihr Engagement ein – Tendenz steigend. Dagegen engagieren sich nur noch 18 Prozent wöchentlich für sechs und mehr Stunden – Tendenz sinkend.

Freiwillige wünschen sich Anerkennung
Freiwillige wollen gehegt und gepflegt werden. Sie wollen, dass ihre Arbeit wertgeschätzt und anerkannt wird – und das am besten individuell und passgenau. In einer Studie der SPD-nahen Friedrich- Ebert-Stiftung zum Freiwilligen-Engagement heißt es: „Der Einkaufsgutschein verdrängt die Jubilars- und Ehrennadeln genauso wenig wie den Blumenstrauß. Freiwillige engagieren sich aus jeweils ganz unterschiedlichen Motiven heraus, so dass dementsprechend unterschiedliche Anerkennungsinstrumente notwendig sind.“ Das heißt aber auch, dass Organisationen einen Dialog mit ihren Freiwilligen führen müssen, um deren Erwartungen und Bedürfnisse erkennen zu können.

Genauso gehört dazu, attraktive Engagementangebote zu entwickeln, bei denen Engagement auch ohne Mitgliedschaft möglich ist, ein Ansprechpartner für Freiwillige verfügbar ist und die Entwicklungsund Fortbildungsmöglichkeiten für Freiwillige bieten. Gerade die Relevanz eines kompetenten Ansprechpartners wird von Verbänden unterschätzt. Die Organisationen, in denen es Ansprechpartner für Engagierte gibt, profitieren von hohen Freiwilligenquoten. Laut Freiwilligensurvey sind zwei Drittel aller Engagierten in Verbänden tätig, in denen es solche Ansprechpartner gibt. Interessanterweise ist in ländlichen Regionen die freiwillige Bereitschaft größer als in städtischen Gebieten. Höher Gebildete engagieren sich mehr als Personen mit niedrigem Bildungsgrad. Während sich 52,3 Prozent aller Menschen mit weitergehendem Schulabschluss für das Gemeinwohl freiwillig einsetzen, waren es nur 28,3 Prozent der Personengruppe mit weniger Bildung.

Anders als landläufig vermutet, ist die Einsatzbereitschaft der Deutschen hoch: Jeder Zweite derzeit Nicht-Engagierte gab an, sich zukünftig freiwillig einsetzen zu wollen. Organisationen sollten für diese Gruppe ein professionelles System der Engagierten- und Betreuung aufbauen. Bei Wilko Akkermann war das offensichtlich der Fall. Er sagt: „Meine Entscheidung, nach Borkum zu gehen, habe ich keinen Tag bereut.“

Karolin Brüssau, NaturFreunde Deutschlands
Dieser Artikel ist zuerst erschienen in NATURFREUNDiN 3-2016.