Klimaschutz – ein unerreichbares Ziel?

Vortrag von Michael Müller zur Fachbereichstagung Naturschutz, Umwelt und sanfter Tourismus am 24. September 2016 in Eschwege

Paris – ein neuer Anfang?

Am 22. April 2016, dem alljährlichen Earth-Day, unterzeichneten in einer feierlichen Zeremonie im UNO-Hauptquartier Vertreter von 175 Staaten den Pariser Klimavertrag. Er wurde  zuvor am 12. Dezember 2015 in der französischen Hauptstadt auf der „21st Conference of the Parties”, kurz COP 21 genannt, beschlossen. Das Abkommen soll das im Jahr 2020 auslaufende Kyoto-Protokoll aus dem Jahr 1997, das seit 2005 völkerrechtlich verbindlich ist, ablösen. Grundlage ist die Klimarahmenkonvention, die 1992 auf den Erdgipfel zu Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro verabschiedet wurde.

Der Pariser Vertrag hat das Ziel, eine Wende hin zu mehr Klimaschutz einzuleiten. Nie zuvor seit dem Erdgipfel waren die internationalen Anstrengungen so groß: „Niemals zuvor hat eine solch große Zahl von Ländern ein internationales Abkommen an einem Tag unterzeichnet“, stellte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon anlässlich der Unterzeichnung im UN-Gebäude am New Yorker East River heraus. Ban forderte, dass nun möglichst rasch die Ratifizierung in den einzelnen Ländern folgen müsse, denn dann erst wird der Vertrag völkerrechtlich bindend. Der erste Mann der UNO ist der Überzeugung, dass die Klima-Vereinbarung zusammen mit dem Armutsbekämpfungsprogramm „die Kraft hat, die Welt zu verändern“.

Sollen die sonst absehbaren Katastrophen noch verhindert werden, ist der Klimaschutz mehr denn je ein Wettlauf gegen die Zeit. Paris sollte den Ernst der Lage zeigen. Auf der Bühne waren eine sichtlich bewegte deutsche Umweltministerin Barbara Hendriks, ein resoluter Tagungspräsident, der französische Außenminister Laurent Fabius, und ein enthusiastisch klatschender Klimaaktivist Al Gore. Frankreichs Staatspräsident François Hollande sprach sogar von einem historischen Wendepunkt, mit Paris sei das Ende des fossilen Zeitalters eingeleitet worden. In New York forderte Hollande: „Wir müssen sicherstellen, dass unsere Worte zu Taten werden. Niemand hat die Verantwortung, alles zu tun, aber jeder hat die Verantwortung, seinen Teil dazu beizutragen.“

Die Erderwärmung ist eine Menschheitsherausforderung, bei der es um die Frage geht, ob die Menschen planetarische Grenzen überschreiten, deren Einhalten für das Leben auf der Erde essentiell ist. Das wissen wir seit mehr zwei Jahrzehnten. Dennoch kommt der Klimaschutz nicht voran, den hoffnungsvollen Ankündigungen folgte immer wieder eine ernüchternde Wirklichkeit.  Deshalb muss die Frage gestellt werden: War die COP 21 wirklich der Durchbruch, hat Paris tatsächlich die überfällige Wende gebracht? Ein genaues Hinsehen ist notwendig, das die Ergebnisse der Pariser Klimakonferenz genau prüft und einordnet. Welche Interessen sind im Spiel, unter welchen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Bedingungen ist mehr Klimaschutz möglich? Welche Bündnisse sind notwendig, damit der Druck verstärkt wird und nicht mehr nachlässt.

Das Abkommen von Paris

Das Weltklimaabkommen von Paris umfasst 32 Seiten und besteht aus zwei Teilen: der Draft decision, die sich auf die künftige Struktur und Organisation der internationalen Klimapolitik bezieht, und dem Paris Agreement, das von den 195 beteiligten Staaten und der Europäischen Union ratifiziert werden muss, um es in nationales Recht zu überführen. Der erste Teil ist 20 Seiten lang, der zweite zwölf.

Treibhausgase
(THG) sind strahlungsbeeinflussende gasförmige Stoffe in der Luft, die zum Treibhauseffekt beitragen und sowohl einen natürlichen als auch einen anthropogenen Ursprung haben können.

Treibhausgase nach dem Kyoto-Protokoll:
Kohlenstoffdioxid (CO2)
Methan (CH4)
Distickstoffoxid (N2O)
Fluorkohlenwasserstoffe (FCKW) und Halone
Schwefelhexafluorid und Stickstofftrifluorid

Weitere zum Treibhauseffekt beitragende Stoffe:
Wasserdampf
Ozon
Wolken
Aerosole und Rußpartikel

Die THG absorbieren einen Teil der vom Boden abgegebenen Infrarotstrahlung, die sonst in das Weltall entweichen würde. Sie schließen gleichsam die Atmosphärenfenster. Entsprechend ihrer Temperatur emittieren sie Wärmestrahlung (Infrarotstrahlung), deren auf die Erde gerichteter Anteil als atmosphärische Gegenstrahlung die Erdoberfläche zusätzlich zum Sonnenlicht erwärmt.

Die natürlichen Treibhausgase heben die durchschnittliche Temperatur an der Erdoberfläche um etwa 33 K auf + 15 Grad Celsius an. Ohne diesen natürlichen Treibhauseffekt hätte die untere Atmosphäre (Troposphäre) im globalen Mittel nur − 18 Grad Celsius, was das uns bekannte Leben auf der Erde nicht möglich machen würde.

Der wichtigste Punkt steht in Paragraph 17: Die Länder wollen alle „Anstrengungen unternehmen, um den Temperaturanstieg möglichst auf 1,5 Grad (gegenüber dem vorindustriellen Niveau) zu begrenzen“. Davon ist die Weltgemeinschaft weit entfernt, denn auch die in Genf beim United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCCC) eingereichten nationalen Klimapläne, genannt Intended Nationally Determined Contributions (INDC) kommen im Jahr 2030 zu Treibhausgas-Emissionen (THG) im Umfang von rund 55 Milliarden Tonnen (berechnet auf Kohlendioxid/CO2). Sie liegen damit viel zu hoch. Zudem sind die INDC bloße Selbstverpflichtungen, die von der UNO nicht sanktioniert werden können. Die Umsetzung von Selbstverpflichtungen ist aber in einem hohen Ausmaß von politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen abhängig.

Um das globale 2-Grad-Ziel einzuhalten, sind weit höhere Emissionsreduktionen erforderlich. Für dieses (jedoch immer noch unzureichende) Ziel dürfen im Jahr 2030 die THG-Emissionen 44 Milliarden Tonnen nicht übersteigen. In Paris haben aber die ozeanischen Inselstaaten das Bewusstsein dafür geschärft, dass das 2-Grad-Ziel zu hoch angesetzt ist, weil sie, wie beispielsweise Tuvalu im pazifischen Ozean, bereits der Erderwärmung geopfert werden. Deshalb müsse die Erwärmungsbegrenzung von 1,5 Grad Celsius erreicht werden. Das ist übrigens auch der Wert, den die Klima-Enquete des Deutschen Bundestages 1990 vorgeschlagen hatte.

Eine wichtige Neuerung im Pariser Abkommen ist die Vorgabe, dass konkrete Zahlen der nationalen wie globalen Emissionsbudgets bekannt gemacht werden müssen, sowohl der realen Daten als auch die für die Erreichung der Klimaschutzziele notwendigen Reduktionsschritte. Damit wird transparent, wo der Klimaschutz aktuell steht und was zu tun ist, um die vorgegebenen Ziele einzuhalten, die sich aus der Aufnahmefähigkeit der natürlichen Senken ergeben. Diese Daten machen deutlich, ob und wieweit der Klimaschutz hinter dem Notwendigen zurückbleibt.

In dem Entwurf des Pariser Abkommens stand, dass in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts bei den Emissionen eine „Klimaneutralität“ erreicht werden muss in dem Sinne, dass die anthropogenen Prozesse keine das Klima verändernde Wirkung mehr haben dürfen – insbesondere mit Hilfe der Dekarbonisierung der Energiesysteme in allen Bereichen (Strom, Wärme und Mobilität) durch Einsparung, eine Effizienzrevolution und eine Umstellung auf 100 Prozent erneuerbare Energien. Diese Definition von Klimaneutralität wurde bei den Beratungen aus dem Text gestrichen. Im beschlossenen Abkommen steht nur noch, dass nicht mehr Treibhausgase emittiert werden dürfen, als etwa durch die Anpflanzung von schnell wachsenden Bäumen oder durch technische Maßnahmen, womit auch Geoengineering oder der Ausbau der Nuklearwirtschaft gemeint sein können, absorbiert werden.

Damit wird nicht das Ziel verfolgt, für den Klimaschutz zu einer grundlegenden Wende in technisch-wirtschaftlichen Prozessen zu kommen, sondern es handelt sich in erster Linie um kompensatorische Maßnahmen. Natürlich ist der technische Fortschritt weiterhin von immenser Bedeutung, auch um die durch Technik angerichteten Schäden zu beseitigen. Eine zentrale Aufgabe ist die Umlenkung des technischen Fortschritts auf Nachhaltigkeit. Sie ist eine notwendige, aber noch keine hinreichende Bedingung, um zu einem durchgreifenden und dauerhaften Klimaschutz zu kommen. Es geht auch um eine Veränderung in unserer Kultur, im Wirtschaftssystem und den Produktionsweisen und Konsumformen. In Paris blieb es jedoch im Kern beim alten Denken: Die erzeugten Probleme werden durch immer neue Techniken gelöst. Doch das reicht nicht aus, ist schon wegen der Fernwirkungen komplexer technologischer Prozesse nicht zu halten.

Natürlich war Paris schon deshalb ein Erfolg, weil die COP 21 die seit Jahren stagnierenden UN-Klimaverhandlungen auf neue Gleise gestellt hat. Damit wurde vielleicht die letzte Chance genutzt, eine totale Katastrophe abzuwenden. Doch in den Klimadebatten geht es fast nur noch um Anpassung, die jedoch in den niedriggelegenen Küstenregionen Asiens oder in großen Teilen Afrikas gar nicht möglich ist – geographisch nicht und weil dafür die finanziellen, technologischen und organisatorischen Voraussetzungen fehlen. Beispiel: In den Deckschichten des indischen und pazifischen Ozeans nehmen die Temperaturen zu und übersteigen die kritische Grenze von 27 Grad Celsius, so dass es durch die aufsteigende Wärme immer häufiger zu Wetterextremen kommt. Einem Land wie beispielsweise Indonesien ist es gar nicht möglich, alle mehr als 6.000 bewohnten Inseln zu schützen.

Paris war ein Schritt voran, aber die dort von den beteiligten 195 Regierungen vorgelegten Maßnahmen reichen bei weitem nicht aus. Würden sie eins zu eins umgesetzt, kommen die Klimarechner immer noch auf einen Anstieg der globalen Temperatur zwischen 2,6 und 3,1 Grad Celsius, also viel zu hohen Werten. Deshalb müssen die Maßnahmen weiterentwickelt und verbindlich werden. Andernfalls bleibt die Skepsis berechtigt, denn zur Geschichte des Klimaschutzes gehört auch, dass die bisherigen Vereinbarungen nicht oder nur unzureichend umgesetzt wurden. Die Demontage des Rio-Ziels, das auf dem Erdgipfel 1992 beschlossen wurde, „alles zu tun, damit es zu keiner dauerhaften Schädigung des Klimas kommt“, begann unmittelbar danach bei den Beratungen des Kyoto-Protokolls, ging im Ratifizierungsprozess weiter und reichte bis zur unzureichenden Umsetzung beschlossener Maßnahmen. Auch beim Pariser Vertragswerk beginnt die Arbeit erst.

Gültig wird der Vertrag, wenn das Abkommen von mindestens 55 Staaten, deren Emissionen mehr als 55 Prozent der globalen THG ausmachen, ratifiziert ist. Dieses Quorum erreichte der Kyoto-Vertrag, der 1997 verabschiedet wurde, erst im Jahr 2005, nachdem es zu einer Aufweichung der Ziele und Verpflichtungen gekommen war. Wie das unwürdige Gescharre ablief, hat Nick Reimer in seinem Buch "Schlusskonferenz – Geschichte und Zukunft der Klimadiplomatie" detailliert beschrieben, insbesondere die Blockaden durch den Widerstand großer oder einflussreicher Länder wie den USA, China, Indien oder den Öl-Staaten, durch die Dominanz kurzfristiger wirtschaftlicher Interessen und durch die weitverbreitete Ignoranz gegenüber wissenschaftlichen Fakten. Kein Wunder, dass sich die jährlichen UN-Klimaverhandlungen immer stärker auf das Prinzip Hoffnung reduzierten, dass die nächste Konferenz besser würde.

Durch diese Verantwortungslosigkeit haben sich die globalen Treibhausgasemissionen in den letzten 25 Jahren nahezu verdoppelt – trotz des Erfolgs, dass die nicht nur ozonzerstörenden, sondern auch klimaschädlichen FCKW und Halone verboten wurden. Besonders die USA, wo Klimaskeptiker in Senat und Abgeordnetenhaus stark vertreten sind, haben eine doppelbödige Strategie verfolgt: Im Kyoto-Vertrag setzten sie beispielsweise das Grandfathering-Prinzip durch, um bei den Reduktionspflichten eine Gleichbehandlung der Industriestaaten mit den Schwellen- und Entwicklungsländer zu verhindern, weil sie gerechte, aber für die Industriestaaten sehr hohe Minderungen befürchteten, um dann genau diese Konstruktion, die nicht nur die Entwicklungsländer, sondern auch die Schwellenländer ausnimmt, zum Anlass zu nehmen, das Abkommen abzulehnen.

Die US-Regierungen, die den globalen Klimaschutz torpediert haben, wurden nicht nur von konservativen Republikanern gestellt, sondern es waren auch Bill Clinton und Al Gore. Da half es auch nicht, dass sich die EU-Staaten, obwohl sie eigentlich eine Energie- oder CO2-Steuer wollten, sogar auf den Emissionshandel eingelassen haben, um eine Brücke zu den USA zu bauen, die ihn im Clean-Air-Act zur Reduktion von Luftschadstoffen nutzen.

Möglicherweise war das Pariser Abkommen das, was im Rahmen der UN-Klimaverhandlungen herauszuholen war. Aber das Mögliche muss nicht das Notwendige sein, doch darum geht es beim Klimaschutz und dort geht Paris nicht weit genug. Die größten Schwachstellen sind:

  1. Der Pariser Vertrag vermeidet eine klare Aussage (Umfang und Zeitplan) zur Dekarbonisierung, beim Klimaschutz geht es aber um ein schnelles Ende der fossilen Dinosaurier.
  2. Er sagt wenig zum Hauptenergieträger Öl aus. In keinem Bereich ist die „fossile Welt“ so ungebrochen wie bei der motorisierten Mobilität, die zu 95 Prozent auf dem „schwarzen Gold“ aufbaut. Die Zuwachsraten der Benzin- oder Dieselautos steigen weiter an, durch energieintensive Zusatzeinrichtungen, die heute Standard sind (wie Klimaanlage oder elektrische Hilfsmotoren z. B. für Fensterheber) gehen die Verbrauchswerte pro Fahrzeug nur langsam zurück und insgesamt wird die Kraftstoffmenge durch das Massenwachstum des Verkehrs überkompensiert. Die höchsten Zuwachsraten hatten 2014 die spritfressenden Sport Utility Vehicles (abgekürzt SUV), ein Plus von 43 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Realverbrauch eines SUVs liegt rund 25 Prozent höher als bei einem vergleichbar motorisierten PKW.
  3. Der Pariser Vertrag baut auf nationalen Selbstverpflichtungen (INDC) auf. Sanktionsmöglichkeiten sind nicht vorgesehen, sondern lediglich Überprüfungen.
  4. Die Erfahrung ist, dass die Selbstverpflichtungen oft nicht eingehalten werden.
  5. Die Wahrscheinlichkeit, dass die vorgeschlagenen Maßnahmen ihr Ziel erreichen, wurde nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent gerechnet. Der Verdacht eines geschönten Bilds drängt sich auf.
  6. Die unklare Definition, was unter Klimaneutralität zu verstehen ist, lässt Hintertürchen offen. Ist eine Renaissance der Atomenergie gemeint? Die Legitimierung der umstrittenen Abscheidetechnik Carbon Capture and Storage (CCS)? Oder von Geo-Engineering in Atmosphäre oder in den Ozeanen?
  7. Besonders problematisch sind die vagen Finanzzusagen und unklaren Verfahrensregeln für Anpassungshilfen an den Klimawandel in den Entwicklungsländern.
  8. Nicht hinreichend geklärt ist, wie die Überprüfung der Emissionsreduktionen aussehen soll. Vage ist auch die Einbeziehung der großen Schwellenländer in das internationale Klimaregime.

Die Zeit wird knapp, die globale Klimakatastrophe abzuwenden. Während der Pariser Konferenz wurde die 1-Grad-Grenze der globalen Erwärmung bereits überschritten. Und da sind die Folgen der THG-Emissionen der letzten rund vier Jahrzehnte noch nicht einbezogen. Die atmosphärischen Anpassungsprozesse dauern mindestens so lange, der Anstieg des Meeresspiegels durch die Abschmelzung der Polregionen braucht noch länger.

Wir haben keine Zeit mehr. Der Hebel gegen die Selbstzerstörung muss sofort umgelegt werden. Für Deutschland bedeutet das, dass bis zum Jahr 2025 mit den fossilen Brennstoffen Schluss sein muss, was große Teile in Politik und Wirtschaft als völlig unrealistisch ansehen. Doch darauf nehmen die Gesetze der Natur keine Rücksicht. Der Prozess der Erderwärmung läuft ab und wenn es nicht schnell zu einer Wende kommt, sind dramatische Folgen nicht zu verhindern.

Um das vor allem von den pazifischen Inselstaaten, bei denen es um ihre Existenz geht, geforderte 1,5 Grad-Celsius Ziel zu erreichen, dürfen durch die Verbrennung von Öl, Gas und Kohle insgesamt nur noch rund 280 Gigatonnen CO2 emittiert werden. Allein im Jahr 2014 wurden durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe 32 Gigatonnen freigesetzt. Und die THG-Emissionen steigen weiter an. Das muss vor dem Hintergrund der nachholenden Industrialisierung der Welt, des anhaltenden Bevölkerungswachstums und der großen sozialen Ungleichheit gesehen werden. Um der Dritten Welt schon aus sozialen Gründen eine Chance auf Entwicklung zu geben, müssen die Industriestaaten, die in den vergangenen beiden Jahrhunderten auf Kosten der Zukunft und großer Teile der Dritten Welt gewirtschaftet und konsumiert haben, ihre Anstrengungen zum Klimaschutz massiv verstärken.

Der Widerspruch zwischen Wissen und Handeln

Die Frage, die ins Zentrum der öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte gehört, heißt schon lange nicht mehr, ob es einen vom Menschen verursachten Klimawandel gibt, sondern warum beim Schutz der Erdatmosphäre der Widerspruch zwischen Wissen und Handeln immer größer wird. Seit rund 30 Jahren wissen wir, dass bis zum Ende unseres Jahrhunderts eine globale Erwärmung um 2,5 bis 3 Grad Celsius droht, ein unverantwortliches Experiment mit der Zerbrechlichkeit der Erde.

Seit mehr als 120 Jahren wissen wir, dass der Mensch das Klima verändern kann. Der schwedische Chemiker Svante Arrhenius, der 1903 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, forschte bereits über Klimaschwankungen. 1895 stellte er eine Theorie zum Treibhausgaseffekt vor. Er ging davon aus, dass Kohlenstoffdioxid die ultraroten Wärmestrahlen des von der Erde abgestrahlten Lichts absorbieren kann, so dass sich durch viel Kohlenstoffdioxid das Erdklima aufheize. Arrhenius nahm auch an, dass der Gehalt an Wasserdampf in der Atmosphäre in eine gleiche Richtung wirke und Klimaänderungen verstärke.

Konkret wurde die Debatte über den anthropogenen Klimawandel 1979 in Genf mit der ersten Konferenz der Weltmeteorologie-Organisation (WMO). Mit bereits konkreten Warnungen folgte 1990 die zweite Weltkonferenz. Weitere internationale Klimakonferenzen fanden 1985 in Villach, 1987 in Bellagio und 1989 in Noordwijk statt. Durch eine gemeinsame Initiative von WMO und UNEP (Umweltbüro der Vereinten Nationen) kam es 1988 in Nairobi zur Gründung des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), einem zwischenstaatlichen Weltklimarat.

In demselben Jahr fand die UN-Klimakonferenz in Toronto statt. Dort wurde der Klimaschutz in einen Zusammenhang mit dem Bericht der Unabhängigen UN-Kommission Umwelt und Entwicklung gestellt. Die Vorsitzende der Kommission, die frühere norwegische Regierungschefin Gro Harlem Brundtland, verglich den anthropogenen Klimawandel mit einer „langsamen Atombombe“. Damals wurde gefordert, dass die Industriestaaten auf freiwilliger Basis ihre THG-Emissionen um 20 Prozent bis zum Jahr 2005 reduzieren.

In dieser Zeit war die internationale Klimadebatte wesentlich politischer. Sie war keine „Expertendebatte“, sondern stand in einen gesellschaftspolitischen Zusammenhang. Ein wichtiger Grund war der UN-Erdgipfel im Jahr 1992 in Rio de Janeiro. Nach dem Ende der zweigeteilten Welt herrschte in Rio eine Aufbruchsstimmung. Die Friedensdividende aus dem Ende der hochgerüsteten zweigeteilten Welt sollte für den Klimaschutz genutzt werden. Mit der Klimarahmenkonvention verpflichtete sich die Weltgemeinschaft, die Treibhausgase auf ein Maß reduzieren, dass keine dauerhaften Schäden am Klimasystem entstehen können. Der Klimaschutz wurde zur zentralen Begründung für die Leitidee der Nachhaltigkeit, eng verbunden mit der Rio-Konvention und der Agenda 21. Doch es blieb weitgehend bei Ankündigungen, weil sich kurzfristige wirtschaftliche Interessen und die Angst vor einer Krise durchsetzten.

Ein weiterer Grund, warum es Anfang der 1990iger Jahren ein hohe verbale Zustimmung zum Klimaschutz gab, die aber Mitte des Jahrzehnts abflachte, lag darin, dass die Debatte weitgehend neu war, es gab noch keine festgefügten Pro und Contra-Fronten. Die Lobbyisten der fossilen Welt hatten sich noch nicht formiert und die Befürworter der Atomenergie sahen im Klimawandel sogar die Chance, zu einer Renaissance der nuklearen Stromerzeugung zu kommen, weil deren Betrieb angeblich CO2-frei sei. Eine kühne These, die sich nicht halten ließ und auch von der Klima-Enquete widerlegt wurde.

In Deutschland waren Hartmut Graßl von der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft (DMG) und Klaus Heinloth von der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) die Pioniere der Debatte über die Erderwärmung. In ihrem Aufruf „Warnung vor drohenden Klimaänderungen“ von 1987 prognostizierten sie einen Anstieg der globalen Temperaturen, der bereits damals ziemlich exakt den Aussagen entsprach, die im Fünften Sachstandsbericht des IPCC (AR5) von 2013 stehen. In Deutschland wurde die Warnung von den zuständigen Gremien anfangs nicht ernst genommen. Auf der Gründungssitzung des IPCC im November 1988 in Nairobi war die Bundesrepublik nicht vertreten durch das Forschungsministerium und das Verkehrsministerium, das für den Deutschen Wetterdienst zuständig ist. Hinter dem Schild „Federal Republic of Germany“ saß allein Hartmut Graßl, Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg.

Der Durchbruch kam mit der Klima-Enquete des Deutschen Bundestages, die sich von 1987 bis 1994 systematisch mit den Gefahren und dem Schutz der Erdatmosphäre befasste, insbesondere mit der Ausdünnung der stratosphärischen Ozonschicht und dem anthropogenen Klimawandel. Unter Beteiligung von 65 wissenschaftlichen Instituten wurden drei Szenarien zum Klimaschutz (insbesondere für den Zeitraum 1990 bis 2005) konkret durchgerechnet und in ein Weltmodell eingeordnet, das differenziert Reduktionsziele für hochentwickelte Industriestaaten, östliche Industriestaaten, Schwellenländer und Entwicklungsländer errechnete. Die wichtigsten Ergebnisse waren:

  1. Die Treibhausgase können in den alten Bundesländern durch die drei großen E (Einsparen, Effizienzsteigerung und Erneuerbare Energien) bis zum Jahr 2005 um 33 Prozent reduziert werden. Das wurde unter folgenden Annahmen durchgerechnet:
              a) Ausstieg aus der Atomkraft (auch bis 2005);
              b) Beibehaltung des Anteils Atomenergie
              c) Ausbau der Atomenergie.
  2. In den neuen Bundesländern wurde eine deutlich höhere Reduktion als möglich angesehen, die deshalb nicht exakt beziffert werden konnte, weil es noch keine abgesicherten Daten gab.
  3. Von der Kommission wurden nur die Szenarien Ausstieg und Status Quo – beide etwa gleich stark – unterstützt, niemand sah im Ausbau der Atomenergie einen Weg zu mehr Klimaschutz.
  4. Die Frage, ob die Atomkraft das Klimaproblem bewältigen könne, wurde in der Kommission intensiv debattiert. Sie kam zu dem einstimmigen Fazit, dass die Atomenergie systembedingt nicht in der Lage ist, zur notwendigen Reduktion des Energieeinsatzes beizutragen. Eine wirksame Bekämpfung des Klimawandels erfordere die Umstellung auf Energiedienstleistungen in Richtung auf mehr Dezentralität, Einsparen und Vermeidung.
  5. Der strategische Hebel ist eine Effizienzrevolution. Ihr Ziel ist eine absolute Reduktion des Energieeinsatzes. Auch die Solarwirtschaft muss in einem engen Zusammenhang mit der Effizienzrevolution gesehen werden.
  6. Die Kommission ging von einer globalen „Erwärmungsobergrenze“ von 1,5 Grad Celsius aus. Nach dem UN-Prinzip einer gerechten Verteilung bedeute das bezogen auf ein CO2-Äquivalent: 2 Jahrestonnen THG-Emissionen pro Kopf und Jahr. Die Industrie- wie auch Schwellenländer liegen weit darüber. Pro Kopf führen dagegen Länder wie Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate und Kuwait die Rangliste an.
  7. Der CO2-Wert (Per Capita Carbon Dioxide Emissions) umfasst in dem Bericht – wie auch als Kennzahl in der Klimaforschung - nicht nur die CO2-Emissionen, sondern den gesamten Treibhausgasausstoß pro Kopf und Jahr in CO2-Äquivalenten.
  8. Die Enquete-Kommission hat ihre Minderungsvorschläge nicht allein auf Deutschland bezogen, sondern auch für die Europäische Union, Osteuropa, die übrigen Industriestaaten sowie die Schwellen- und Entwicklungsländer Vorgaben zur Reduktion oder zur Begrenzung des Anstiegs der THG gemacht. 
  9. Die Enquete-Kommission forderte eine Energie- und Rohstoffsteuer, die von ihr Restverschmutzungsabgabe genannt wurde. Der Emissionshandel war in der Kommission kein Thema.
  10. Für den Klimaschutz wurde eine Interministerielle Arbeitsgruppe (IMA) gebildet.

Angemerkt werden muss, was auch zeigt, wie viel Zeit für einen globalen Klimaschutz nicht genutzt wurde. Seit 1990 hat sich das Bild weitreichend verändert. Heute ist China der größte CO2-Emittent, deutlich vor den USA.      

Auf der Basis der Empfehlungen der Enquete-Kommission, die vom Bundestag 1991 übernommen wurden, fasste in demselben Jahr das Bundeskabinett unter Kanzler Kohl den Beschluss, bis 2005 zu einer Reduktion der THG-Emissionen in den alten Bundesländern um mindestens 25 Prozent zu kommen und zu einem weitaus höheren Anteil in den neuen Bundesländern. Zudem sollte eine „Restverschmutzungsabgabe“ eingeführt werden. International stellte die Bundesregierung erhebliche Finanzmittel zum Schutz der Tropenwälder (insbesondere in Brasilien im Amazonasbecken) bereit. Deutschland nahm beim Klimaschutz eine Vorreiterrolle ein.

Trotzdem kam es auch in Deutschland nicht zu einer systematischen Klimaschutzpolitik, sie wurde nicht zum strategischen Hebel für die ökologische Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft, erst recht nicht in der Europäischen Union. Die Erfolge in Deutschland beim Klimaschutz beruhten in erster Linie auf dem Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft und der umfangreichen Erneuerung der Infrastruktur in den neuen Bundesländern. Dadurch gingen die CO2-Emissionen in Ostdeutschland um fast 50 Prozent zurück. In den alten Bundesländern sanken dagegen die THG-Emissionen nur geringfügig, nicht zuletzt durch die starke Stellung der bundesdeutschen Wirtschaft auf den internationalen Märkten und der Verlagerung von Zulieferungen im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung.

Insgesamt gehörte Deutschland nach 1990 zu den Ländern, in denen die höchsten THG-Reduktionen zu verzeichnen waren. Von besonderer Bedeutung für diese Rolle war der Ausbau der Erneuerbaren Energien, bei dem Deutschland durch das Stromeinspeise-Gesetz ab 1995 und durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz ab 2002 weltweit zum Vorreiter wurde. Eine Rolle, die in den letzten Jahren allerdings wieder verspielt wurde. Schon Ende des letzten Jahrhunderts wurden – begründet mit einer Anpassung an die Kyoto-Ziele – die Reduktionsziele nach unten korrigiert.

Weltweit gab es nirgendwo eine konsequente Wende hin zum Klimaschutz. Das hätte weitreichende Reformen erforderlich gemacht, die das traditionelle quantitative Wachstumsmodell grundlegend in Frage stellen. Genauso wie der Wohlfahrtsstaat braucht auch eine nachhaltige Wirtschaft eine entsprechende Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Mit dem vorherrschenden Neoliberalismus, der mit der Globalisierung seinen weltweiten Siegeszug begann, kommt es nicht zu Klimaschutz und zu einer sozial-ökologischen Wirtschaftsordnung. Die Debatte über den Zusammenhang zwischen Klimaschutz und Wirtschaftsordnung wurde aber mit wenigen Ausnahmen nicht geführt. Dadurch wurde auch die Notwendigkeit eines Systemwechsels zu wenig erkannt. Bis heute geht die Debatte über die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ursachen des Klimawandels nicht tief genug.

Ökologische Wachstumsgrenzen

Das Zeitfenster zur Vermeidung einer Klimakatastrophe ist klein geworden. Tipping-Points, wie die kritischen Umkipppunkte genannt werden, kommen schnell näher. Deshalb ist im Gegensatz zu den 1980er und dem Beginn der 90er Jahre kaum noch von Vermeidung des Klimawandels die Rede. Heute geht es fast nur noch um Anpassung an die Klimaänderungen. Die letzten zwei Jahrzehnte haben gezeigt: Appelle und Aufklärung reichen nicht aus, um aus einer geld- und wachstumsgetriebenen Wirtschaft mit ihren SUV-süchtigen Konsumenten nachhaltigkeitsorientierte Staatsbürger zu machen. Das Wettrennen gegen die Erderwärmung ist mit den traditionellen Wachstumsstrategien nicht zu gewinnen.

Zusammen mit den ungelösten sozialen Problemen, weiteren rund drei Milliarden erwarteten Erdbewohnern und vielen anderen Umweltproblemen wird der Klimawandel negative Synergien erzeugen, die jenseits unserer Vorstellungskraft liegen. Schon in der Enquete-Kommission des Bundestages wurde die Frage behandelt, ob der Klimawandel, von dem in den nächsten Jahrzehnten vor allem arme Länder in ökologisch sensiblen Weltregionen betroffen sein werden, nicht Ungleichheit und Gewalt, Migration und Ausgrenzung vergrößern wird – und zwar weltweit. Tatsächlich sind die Folgen des Klimawandels auf tragische ungerechte Weise auf die unterschiedlichen Regionen und Gesellschaftsschichten verteilt. Größte Schäden richten sie in den ärmsten Ländern an, die über die geringsten Ressourcen verfügen, sich schützen zu können. Neben den Polregionen, in denen die Erwärmung besonders hoch ausfällt, sind in erster Linie weite Teile Afrikas, die ozeanischen Inselstaaten und die niedrig gelegenen, bevölkerungsreichen Flussdeltas Asiens von den Folgen des Klimawandels betroffen, die oftmals eng mit gesundheitlichen Problemen und Ernährungsmangel in menschenunwürdigen Slums verbunden sind.

Dort verfügen die Länder nicht über die organisatorischen, finanziellen und technischen Mittel, sich wirksam schützen zu können, was in manchen Ländern schon aus geografischen Gründen gar nicht möglich ist. Die Perspektivlosigkeit kann in den Epizentren der fortschreitenden Trockenheit oder der zunehmenden Überschwemmungen, weiter verschärft durch weltanschauliche Konflikte, zu fundamentalistischen Radikalisierungen und sogar Bürgerkriegen führen. Der Klimawandel erhöht den Druck zur Migration. Die Konflikte und Auseinandersetzungen werden weltweit zunehmen.

Es ist eine pure Illusion zu glauben, reiche Länder und wohlhabende Schichten könnten sich in hochgesicherten grünen Oasen privater Glückseligkeit abschotten. Bereits heute werden die Grenzen wieder schärfer kontrolliert. Statt den Klimawandel zu bekämpfen, wird die Freizügigkeit eingeschränkt. Solange es nicht zu einem wirksamen Klimaschutz kommt, führen die Folgen der Erderwärmung in autoritär-technokratische Gesellschaften, ohne sich damit den Klimaproblemen entziehen zu können – sei es direkt wie durch die immer häufiger auftretenden Wetterextreme – oder indirekt wie durch den starken Anstieg der Zuwanderung. Das heißt: Klimaschutz wird nur möglich, wenn es zu grundlegenden Reformen in Wirtschaft und Gesellschaft kommt, national, europäisch und weltweit.

Klimaschutz ist auch eine Frage von Kultur und Wirtschaftsordnung

Offenkundig gibt es einen fundamentalen Konflikt zwischen wirtschaftlichem Wachstum und dem Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen und besonders der Klimastabilität. Ökologische Grenzen des Wachstums zeigen sich nicht nur in der Überlastung der natürlichen Senken, auch erneuerbare Ressourcen wie Böden, Wälder und Wasser sind bereits übernutzt. Doch beim quantitativen Wachstum geht es nicht um eine singuläre Frage, sondern um ein alle gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse durchziehendes und konditionierendes Muster. In seinen bisherigen Formen führt Wachstum nicht nur zur Steigerung von Wohlstand, sondern zugleich auch zur Naturzerstörung.

Quantitatives Wachstum nimmt auf die Tragfähigkeit der Erde keine Rücksicht. Daran ändert auch die relative Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom Ressourcenverbrauch nichts. Zwischen 1980 und dem Jahr 2005 stieg die globale Entnahme der natürlichen Ressourcen (Rohstoffe und Energie) für Produktion und Konsum von 40 auf 58 Milliarden Tonnen an. Nach dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) nahmen die Weltwirtschaftsleistungen in der gleichen Zeit um 110 Prozent zu. Das bedeutet: Die Effizienzgewinne konnten nicht verhindern, dass der Naturverbrauch heute um rund 45 Prozent höher liegt. Notwendig ist aber eine absolute Senkung.

Das Wirtschaftswachstum wird zu einem Paradoxon. Es gilt als unbedingte Voraussetzung für Wohlstand und Fortschritt, obwohl seit der Industrialisierung der Welt gerade dadurch die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen in Gang gesetzt wurde, die sich vor allem in den letzten fünf Jahrzehnten dramatisch beschleunigt hat. Die selbstberuhigende Formel vom „qualitativen Wachstum“, die als Ausweg hingestellt wird, überzeugt nicht, zumal in vielen Bereichen ein drastisches Schrumpfen angesagt ist, um künftigen Generationen Freiheit und Lebensqualität zu sichern. Tatsächlich braucht Klimaschutz einen Systemwechsel hin zu einer nachhaltigen Ökonomie.

Der „Umweltraum“ oder „Environmental Space“, der von den Menschen genutzt wird, ist begrenzt. Nicht im Sinne starrer Grenzen, denn ihr Erreichen ist von vielen wirtschaftlichen, sozialen, technischen und kulturellen Faktoren abhängig. Aber die Grenzen sind da und ihr Überschreiten ist mit dramatischen Folgen verbunden. Prinzipiell sind zwei Arten von Wachstumsgrenzen zu unterscheiden: Zum einen sind die Ressourcen, insbesondere fossile Energieträger und metallische Rohstoffe, endlich. Zum anderen sind die biologischen Senken und Kapazitäten der Ökosysteme, die zur Stabilisierung der natürlichen Kreisläufe entscheidend sind, auch weil sie Abfälle und Emissionen aufnehmen, begrenzt und bereits überlastet.

Bis zur Industriellen Revolution, die zu einer gewaltigen Entfaltung der technisch-ökonomischen Produktivkräfte und zum Umstieg auf fossile Energieträger als Hauptenergiequelle führte, war die Überlastung der Öko-Systeme und der biogenen Ressourcen in der Land- und Forstwirtschaft ein regionales oder lokales Problem. Heute sind die Zerstörung der biologischen Vielfalt und die Überlastung der natürlichen Senken eine globale Bedrohung. Das zeigt nicht nur der anthropogene Klimawandel, auch der „ökologische Fußabdruck“ belegt die viel zu hohe anthropogene Beanspruchung der Natur.

Die Internationale Energieagentur (IEA), die in der Vergangenheit immer optimistische Zahlen zur Energiezukunft veröffentlicht hat, lässt seit fast zehn Jahren in ihrem jährlichen „World Energy Outlook“ keinen Zweifel daran, dass grundlegende Veränderungen im Umgang mit Energie schnell notwendig sind. Dort hieß es schon im Jahr 2008: „Aktuelle globale Trends bei Energieversorgung und Energieverbrauch sind offenkundig nicht nachhaltig – weder ökologisch, ökonomisch noch sozial“.

Der Umsatz und die Wandlung natürlicher Ressourcen haben sich in den letzten sechs Jahrzehnten dramatisch erhöht. In vielen Bereichen laufen die globalen Ressourcengrundlagen Gefahr, schon bald zu kollabieren. Die Bedrohungen zeigen, dass die „Naturfrage“ nicht nur eine ökologische, sondern auch eine soziale Dimension hat. Nach dem UN-Prinzip der globalen Gerechtigkeit hat jeder Mensch prinzipiell das gleiche Recht auf eine Nutzung der natürlichen Ressourcen, und zwar in einer Qualität, die der heutigen gleichwertig ist. Kommt es nicht zu einer Minimierung und Begrenzung, also zu naturgemäßen Produktions- und Konsumformen, droht in der Konsequenz sogar die ökologische Selbstvernichtung der Menschheit.

Der Nobelpreisträger für Chemie von 1995, der langjährige Direktor des Max Planck Instituts für Atmosphärenchemie in Mainz, Paul J. Crutzen beschreibt die Folgen der rasant gestiegenen Naturnutzung so: „In den letzten drei Jahrzehnten sind die Effekte des menschlichen Handelns auf die globale Umwelt eskaliert. Auf Grund der anthropogenen CO2-Emissionen dürfte das Klima auf dem Planeten in den kommenden Jahrtausenden signifikant von der natürlichen Entwicklung abweichen.“

Deshalb hat Crutzen im Jahr 2000 den Vorschlag gemacht, die heutige geologische Erdepoche „Anthropozän“ zu nennen, die vom Menschen gemachte Erdzeit. Sie löst das Holozän ab, die gemäßigte Erdepoche der letzten rund 12.500 Jahre. Crutzen begründete in der Fachzeitschrift „Nature“ seinen Vorschlag damit, dass „auf Grund der anthropogenen CO2 (Kohlendioxid-) Emissionen ... das Klima auf dem Planeten in den kommenden Jahren signifikant von der natürlichen Entwicklung abweichen“ dürfte. 2009 hat das Forschungsteam um Johan Rockström vom Stockholm Resilience Centre, das sich mit der Erdsystemforschung beschäftigt, in einer umfangreichen Studie nachgewiesen, dass in vier von neun Dimensionen, die für das Leben auf der Erde essentiell sind, planetarische Grenzen überschritten sind. Nur in einem Bereich, beim stratosphärischen Ozonabbau, ist es zu einer Besserung gekommen.

Das Anthropozän wird zum limitierenden Faktor, der auch wirtschaftliches Handeln bestimmen wird. Umso wichtiger wird die Leitidee der Nachhaltigkeit, die nicht länger ein beliebiges Plastikwort sein darf. Obwohl es viele engagierte Verfechter der Idee gibt, Nachhaltigkeit zum übergeordneten regulativen Prinzip zu machen, kam der überfällige Paradigmenwechsel hin zu einer nachhaltigen Ökonomie bisher weder in der Wirtschaft noch in der Wissenschaft zustande. Solange bleibt der Widerspruch zwischen Wissen und Handeln bestehen.

Für den Pariser Vertrag heißt das: Er muss auch die Frage stellen, welches Wirtschaftssystem eine nachhaltige Ökonomie des Vermeidens und der Langfristigkeit möglich macht. Zudem stellt die Endlichkeit unserer Erde auch die Verteilungsfrage in aller Schärfe, national, europäisch und global. Nachhaltigkeit, die über unsere Zukunft entscheidet, wird nur möglich, wenn sie gerecht organisiert und gestaltet wird.

Diskurs über Lebensqualität im Zeitalter des Anthropozäns

Der Pariser Klimavertrag kann gelingen und die Erwartungen erfüllen, wenn sich unsere Kultur grundlegend ändert und weg von dem grenzenlosen Schneller, Höher und Weiter die Frage nach Lebensqualität und Nachhaltigkeit gestellt wird. Das erfordert – auch in der Wirtschaftswissenschaft – die Einsicht, dass ein unbegrenztes Wachstum weder möglich noch sinnvoll ist. Skepsis ist angebracht, wie sie auch John Maynard Keynes im Juni 1930, nur kurze Zeit nach der Großen Depression vom Oktober 1929, in einem Vortrag in Madrid formuliert hat: „Im gegenwärtigen Augenblick erwarten die Menschen mehr als sonst eine grundlegende Diagnose. Sie sind ganz besonders bereit, sie aufzunehmen, begierig, sie auszuprobieren, wenn sie nur einigermaßen annehmbar sein sollte. ... (Dagegen sind) Praktiker, die sich ganz frei von intellektuellen Einflüssen glauben, gewöhnlich die Sklaven irgendeines verblichenen Ökonomen. Wahnsinnige in hoher Stellung, die Stimmen in der Luft hören, zapfen sie ihren wilden Irrsinn aus dem, war irgendein akademischer Schreiber ein paar Jahre vorher verfasste.“

Auch heute scheinen viele Akteure in den Ideologien von gestern gefangen zu sein. Doch die alte Steigerungsprogrammatik wird ausweglos. Die ökologischen Grenzen des Wachstums müssen die wiederaufgelebten liberalistischen Wirtschaftsideologien stoppen. Der Klimawandel muss in einem Zusammenhang mit der Entmoralisierung der Wirtschaftsordnung nach dem Ende des Kalten Krieges, der Globalisierung der Wirtschaftsprozesse und der Dominanz der Finanzindustrie gesehen werden. Sie haben die Handlungsfähigkeit der nationalstaatlichen Politik massiv begrenzt. Nachhaltigkeit ist dagegen ein Prinzip, das lokal, national, europäisch und weltweit umgesetzt werden kann. Mit ihr leisten wir uns nicht länger, alles das wieder zu verdrängen, was wir in den 1970iger Jahren über die Endlichkeit der Erde gelernt haben.

Mit der Nachhaltigkeit wird die Umverteilungs- und Gestaltungsfrage neu gestellt, sowohl um die spaltende Dynamik der Globalisierung zu beenden als auch um den unreflektierten Wachstumsglauben zurückzudrängen. Das Anthropozän wird zum Ausgangspunkt einer Transformation, die sozial-ökologisch gestaltet werden muss. Dafür muss die Politik davon ausgehen, dass der Markt nicht alles richtet und das Wachstum alter Art keine Zukunft haben darf. Eine solche Transformation ist auch ein Kerngedanke der europäischen Moderne, denn der Fortschritt, den Europa über die Welt gebracht hat, ist nicht nur unvollendet, er lässt sich auch korrigieren, also politisch gestalten.

Um zu einer klima- und sozialgerechten, einer nachhaltigen Wirtschaft und Gesellschaft zu kommen, muss die Politik im Diskurs mit der Wissenschaft vor allem folgende vier Fragenkomplexe klären:

1. Die Grenzen des Wachstums:

  • Wie können Wirtschaft und Gesellschaft vom Wachstumszwang befreit werden?
  • Was ist konkret unter ökologischen Grenzen zu verstehen? Unter welchen kulturellen, ökonomischen und technologischen Bedingungen werden sie erreicht und welche Konsequenzen sind daraus zu ziehen, dass planetarische Grenzen bereits überschritten werden?
  • Was sind die Haupttreiber des Wachstumszwangs? Was erfordert es, Wirtschaft und Gesellschaft davon zu befreien?
  • Ist eine Marktwirtschaft ohne Wachstumszwang möglich? Wie sieht eine Marktwirtschaft aus, die unter sozial-ökologischen Zielsetzungen zugleich wächst und schrumpft?

2. Das Leitziel Nachhaltigkeit:

  • Wie sieht eine ökonomische Theorie der Nachhaltigkeit aus? Sie braucht als Grundlage eine klare Definition von Nachhaltigkeit, die bis heute zu oft beliebig ausgelegt wird.
  • Wie kann es zu einer absoluten Entkoppelung vom Wirtschaftswachstum und zu einer Dematerialisierung von Produktion und Konsum kommen?
  • Wie kann die Dominanz der Kurzfristigkeit, der Arbitrage und des Geldwesens beendet werden, damit sich Nachhaltigkeit durchsetzen kann?
  • Welche Rolle müssen der öffentliche Sektor und die öffentlichen Güter im Rahmen einer Strategie der Nachhaltigkeit spielen?
  • Welche Anforderungen stellt ein nachhaltiges Wachstum an die Innovationskraft der Wirtschaft, an den Arbeitsmarkt, das Finanzsystem, den Bildungssektor und die soziale Gerechtigkeit?
  • Wie sieht ein Nachhaltigkeitsindex aus, der das BIP ablöst?

3. Die Sozial-ökologische Transformation

  • Welche politischen, kulturellen und rechtlichen Anforderungen stellt das neue Zeitalter des Anthropozäns an Wirtschaft und Gesellschaft?
  • Wie ist heute eine gesellschaftliche Einbindung der Wirtschaft möglich, um ihr einen sozialen und ökologischen Rahmen zu setzen?
  • Wie können soziale und ökologische Gerechtigkeit miteinander verbunden werden?
  • Wie muss die Ausweitung von Demokratie und Bürgerbeteiligung aussehen, um starke Allianzen für eine sozial-ökologische Transformation zu bilden?         

4. Die internationale Einordnung

  • Wie kann die Europäische Union zu einer Nachhaltigkeitsunion werden?
  • Wie muss eine europäische Energie-, Verkehrs- und Agrarwende aussehen?
  • Wie muss für die Nachhaltigkeit das Verhältnis zwischen nationalen und europäischen Rechten aufgeteilt werden?
  • Wie werden sozial-ökologische Ziele im Sinne der Nachhaltigkeit zentral in den weltwirtschaftlichen Institutionen der Weltbank, des IWF und den Entwicklungsbanken sowie in Handelsabkommen verankert?

Heute prallen zwei Zeitalter aufeinander: Das alte nationalstaatliche Wachstumsmodell gegen die global entgrenzte, aber zugleich sozial und ökologisch begrenzte Welt. Die Politik ist genauso wie große Teile der Gesellschaft noch gefangen in der alten Welt. Damit stellen sich nicht nur neue Herausforderungen, auch alte, scheinbar entschärfte Probleme brechen wieder auf und erfordern neue Antworten.

Insofern geht der Klimaschutz weit über ökologische Fragen hinaus. Er stellt die Frage nach der Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft in der globalen Epoche des Anthropozäns und ob und wie die Idee des Fortschritts bewahrt und weiterentwickelt werden kann. Der Pariser Vertrag hat die Erwartung geweckt, dass die Katastrophe noch verhindert werden kann. Ob sie erfüllt wird, dass entscheidet sich nicht zuletzt daran, ob diese Fragen beantwortet werden.

Michael Müller, Bundesvorsitzender der NaturFreunde Deutschlands