Radtour: Lewer duad als Sklav

Eine Veranstaltung der Fachgruppe Radtouristik der NaturFreunde NRW

Montag, 22.07.2019 bis Samstag, 27.07.2019
Zielgruppe: 
Erwachsene
Auskunft & Anmeldung: 

Auskunft:
NaturFreunde NRW
weil.wolfgang@t-online.de

Anmeldung:
Arbeit und Leben NRW
berg-mark@aulnrw.de

Was leider nur wenige wissen: Im Mittelalter und teilweise noch bis in die Neuzeit waren die Länder an der Nordseeküste für eine lange Zeit weitgehend frei von feudaler Unterdrückung. Während der Radtour beschäftigen wir uns mit diesem so großartigen, wie verschütteten Kapitel der so wenig entwickelten Freiheitsgeschichte unseres Volkes. Schwerpunkt wird neben Eiderstedt vor allem Dithmarschen sein – beides werden wir ruhig (Meer und Landschaft genießend) von Husum bis Meldorf durchfahren.

1. Tag: Fahrt mit Rad im Zug bis Husum. Wir lernen die Stadt und Theodor Storm kennen, dessen Gedichte uns während der gesamten Fahrt begleiten werden. Wir studieren die Karte: Wo lagen die freien Bauernrepubliken? Westfriesland, Friesland, Ostfriesland (besonders lange), Jever Land, Stedinger Land (besonders blutig beendet), Butjadingen, Wurstener Land, Hadelner Land, Dithmarschen, Nordfriesland. Über viele Jahrhunderte hatten dort die kleinen, flexiblen Bauernverbände militärisch und ökonomisch die Oberhand. Nachmittags fahren wir noch ein wenig Rad nach St. Peter-Ording und genießen Strand und Meer (was ansonsten nur auf den Inseln möglich ist).

2. Tag: Radtour (40 km oder 55 km) von St. Peter-Ording zum wohl schönsten Leuchtturm-Blick an der Küste in Westerhever. Dann durch die Halbinsel Eiderstedt bis Friedrichstadt. Was war der Inhalt der „Friesischen Freiheit“? Bei der Besichtigung eines riesigen Bauernhauses („Haubarg“) klären wir die ökonomischen und gesellschaftlichen Grundlagen für Reichtum und Macht der Küstenbauern: Die Fruchtbarkeit der Marschwiesen und die Notwendigkeit einer genossenschaftlichen Organisation beim Deichbau und beim militärischen Küstenschutz. Die Bauern bauten keine Schlösser für ihre Repräsentanten – dafür jedoch große und reich ausgestattete Kirchen. Eiderstedt ist voll davon. Die weit heruntergezogenen Kuppelgewölbe strahlen Wärme und Erdverbundenheit aus und sind eine nordische Eigenart im ansonsten immer weiter nach oben strebenden Übergang von der Romanik zur Gotik.

3. Tag: Radtour (40 km) über Friedrichstadt nach Heide. Die „Stadt der religiösen Freiheit und Toleranz“ (Friedrichstadt) wird geprägt von Bauten der niederländischen Backstein-Renaissance (Barock) und anheimelnden Grachten. Hier möchten wir gar nicht mehr weg. Doch noch stärker zieht uns nach Süden, denn dort gründeten die Bauern eine Stadt. Unterwegs diskutieren wir die Formen bäuerlicher Selbstverwaltung in Dithmarschen: Alle Macht den Kirchspielen (dezentral) oder zentrale Repräsentanz durch den Rat der 48er. Alle staatlichen Aufgaben wurden von Bauern besetzt bzw. von diesen maßgeblich beeinflusst. Im Jahr 1447 gaben sie sich eine eigene Gesetzesordnung – Strafrecht, Zivilrecht, Staatsrecht und Marktrecht. „Es gelang ihnen, auch für spätere Zeiten den Grundstock für ein hohes Maß an Eigenständigkeit zu legen, die Dithmarschen eine Ausnahmestellung im Weltgeschehen sicherte.“ (Zitat: Internetseite der Stadt Heide). Die Bauern waren nicht blind für die Erfordernisse der Zukunft. Sie gründeten eine Stadt: Heide. Ihre Idee der Freiheit setzten sie um in einen städtebaulichen Akzent, der auch heute noch das Gesicht der Stadt prägt – einmalig in Deutschland. Auf dem Geschlechter-Friedhof in Lunden lernen wir einen dieser sonderbaren Dithmarscher Querköpfe kennen: Peter Swyn. Die Bauern schickten ihn zum Studium nach Rostock (Spruch: „Das kann doch kein Swyn lesen“) – gleichzeitig war dieser kluge Bauernführer in grauenhafte altgermanische Blutrache-Rituale verwickelt.

4. Tag: Radtour (20 km) nach Meldorf. Dabei kommen wir an jenen Ort, der auch heute noch für viele Dithmarscher ein Teil ihrer Identität ist – ein Ort, den eigentlich jeder Bürger unseres Landes kennen müsste: Die Dusenddüwelswarf bei Hemmingstedt. Hier verteidigten am 17. Februar 1500 die Bauern ihre Freiheit gegen ein weit überlegenes Invasionsheer des Adels. Die berühmte Schlacht von Hemmingstedt, mit der Johann I., König von Dänemark, Schweden und Norwegen, Herzog von Schleswig und Holstein versuchte, dem „Bauernspuk“ ein Ende zu bereiten. Er führte ein riesiges Heer mit sich, 12.000 Mann, darunter die berüchtigte „Schwarze Garde“, eine Söldnertruppe, die in ganz Europa wegen ihrer bestialischen Kriegführung bekannt war. Doch die Bauern hatten das Land unter Wasser gesetzt. Die schweren Rüstungen der Adligen und ihre Kanonen versanken im Schlamm. Den drohenden Verlust ihrer Freiheit vor Augen wüteten die Bauern unter den feudalen Truppen wie die Wahnsinnigen. Sagen berichten von Szenen archaischer Monumentalität. Der König entkam nur knapp dem Tod. Niemals zuvor und niemals danach in der deutschen Geschichte haben Bauern einem feudalen Ritter- und Söldner-Heer solch eine vernichtende Niederlage zugefügt. Die einfachen Soldaten wurden begraben – die Adligen überließ man nackt den Vögeln zum Fraß. Das zeigt eindeutig den Klassencharakter dieses Kampfes. Das als heilig geltende Reichsbanner des von den dänischen Königen geführten skandinavischen Großreiches hing für zwei Generationen verlacht und verspottet in den Amtsstuben der Dithmarscher Bauernrepublik. Die Garde war zerschlagen – „Wahre di Garde, de Bure de kumbt“ (Sei wachsam, du Garde, der Bauer, der kommt). Die meisten Adligen aus Holstein und Schleswig, die sich einen Tag vor der Schlacht noch genüsslich am Massaker an allen Greisen, Frauen und Kindern in Meldorf beteiligt hatten, waren tot, sodass in den genannten Ländern fast alle Adelsfamilien in ihrer physischen Existenz bedroht waren.

Im Meldorfer Landesmuseum rekapitulieren wir dieses atemberaubende Ereignis von nationaler, wenn nicht gar von europäischer Bedeutung – das immer noch von vielen als „Provinzgeschehen“ abgetan wird.

Unter den wunderschön gestalteten Kuppelgewölben des kunstreichen Meldorfer „Doms“ finden wir wieder Abstand vom grausamen Geschehen.

5. Tag: Radtour (40 km) entlang der Küste nach Büsum und zurück. Ein ganzer Tag am Meer. Dabei bringen wir das Thema zum Abschluss und diskutieren folgende Fragen: Kann man gesellschaftliche Zustände am Ausgang des Mittelalters mit heutigen Begriffen beschreiben (Freiheit, Republik)? Warum gingen alle Bauernrepubliken dann doch unter? Warum konnte während der schlimmen Jahrzehnte des europäischen Nationalismus dieses Thema so missbraucht werden? Warum ehren andere Länder solche Ereignisse – und warum belegen wir Deutschen ausgerechnet die Volksgruppe mit der längsten Freiheits-Tradition (Ostfriesen) mit Hohn und Spott? Und vor allem: Was hat das alles – der Schrei nach Freiheit – mit uns zu tun?

6. Tag: Rückfahrt mit dem Zug.

Veranstalter: Arbeit & Leben Berg/Mark in Kooperation mit NaturFreunde NRW

Leitung: Wolfgang Weil

Ortsgruppe/n