Wie ein NaturFreunde-Bundesvorsitzender zum Atomgegner wurde

Hans Peter Schmitz über seine Erfahrungen mit der Atomwirtschaft

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Am 28. März 1979 diskutierten in Bonn Mitglieder des NaturFreunde-Bundesvorstandes mit SPD-Bundestagsabgeordneten. Die Politiker vertraten den Standpunkt, der steigende Strombedarf sei nur mit der Atomspaltung zu decken. Das Verfahren galt ihnen als hinreichend sicher. Wir NaturFreunde konnten nur unsere Bedenken entgegen halten. Ernsthafte Atomunfälle waren bis dato nicht bekannt.

Niemand der Beteiligten ahnte, was sich zum gleichen Zeitpunkt in Harrisburg im US-Bundesstaat Pennsylvania abspielte. Ein zunächst kleiner Vorfall am Reaktor 2 des Atomkraftwerks „Three Mile Island“ eskalierte. Anfangs wurde noch beschwichtigt, doch schließlich war klar, dass die Bevölkerung knapp dem ersten GAU der Atomgeschichte entkommen war.

Energie für die nächsten Jahrhunderte
Schon als 1962 der erste deutsche Atomreaktor Gundremmingen A genehmigt wurde, waren die NaturFreunde skeptisch. Immerhin hatte die Atomspaltung ihre grauenhafte Kraft 1945 in Hiroshima und Nagasaki gezeigt. Aber jetzt gehe es ja um die „friedliche“ Nutzung, die „Kernspaltung“ sei beherrschbar und liefere Energie für die nächsten Jahrhunderte im Überfluss, hieß es immer wieder. Langsam wurde auch ich zum vorsichtigen Befürworter der neuen Technologie.

Zweifel blieben. Als Umweltreferent und später Bundesvorsitzender der NaturFreunde Deutschlands befasste ich mich intensiver mit Energiefragen und machte viele Erfahrungen mit der Atomwirtschaft. Das nahm mir sowohl den Glauben an die Beherrschbarkeit der Technik als auch an die Ehrlichkeit ihrer Betreiber. Ich wurde ein entschiedener Atomgegner.

Zum Beispiel im Oktober 1977: Wir Natur- Freunde erhielten die Einladung zur Besichtigung des Salzschachtes Asse, einer Deponie für strahlende Abfälle. Es gab Gruben, in die Fässer einfach gekippt und mit Salz abgedeckt worden waren, verbeult und schon damals feucht. Unsere Kritik wurde abgewiegelt: Man werde die Stollen verschließen und dann seien alle möglichen Gefahren auf ewig gebannt. Heute, vier Jahrzehnte später, wird an der vollständigen Räumung der Asse gearbeitet.

Ängsten sollte entgegengetreten werden
In den 1960er-Jahren entstand in Bergisch-Gladbach die Firma Interatom, offiziell eine Denkfabrik für den sicheren Betrieb von Atomkraftwerken. Ich befasste mich damals in verschiedenen kommunalen Funktionen mit der Firma, die immer wieder versicherte, dass sich „kein Jota strahlenden Materials“ auf dem Firmengelände befände. Eine Lüge, wie ein Zufall ans Licht brachte. Ungeplant hatte ein Fraktionskollege bei einer Besichtigung seine dreijährige Tochter dabei. Die dann wegen der Strahlenbelastung aber nicht eintreten durfte.

Ostern 1975 besuchten deutsche und niederländische NaturFreunde die Baustelle des „Schnellen Brüters“ in Kalkar am Niederrhein. Er könne die Ängste der Menschen vor der Atomenergie sogar verstehen, sagte der Leiter des Informationszentrums. Aber Ängste seien Gefühle, denen man durch Wissen und Können entgegentreten müsse. Fragen, die ihm zu heikel erschienen, bürstete er als emotional ab.

Deutschland steigt aus der Atomkraft aus
Allerdings hatten wir zur Information die Zeitschrift Mehr wissen über Strom und Kernkraft. erhalten. Auf der Titelseite zeigte ein Foto Enten am Rande eines Bassins. Der Text erzählte von „herzigen Entlein“, die auf dem Werksgeländen Quartier bezogen hatten, „traulich umsorgt von den Damen der Verwaltung“. Schlusswort: „Da sage noch einer, der Kraftwerksbau sei ein gemütloses Geschäft.“ Ich habe dieses Konglomerat von Emotionen dem Redner sprichwörtlich um die Ohren gehauen.

Heute bedarf es keiner Emotionen mehr. Tschernobyl und Fukushima sind brutale Realität. Die deutsche Politik hat nach Fukushima die einzig richtige Konsequenz gezogen und steigt aus der Atomkraft aus. Kein anderer Staat folgte.

Hans Peter Schmitz
Dieser Artikel erschien zuerst in der NATURFREUNDiN 4-2016.