Wir brauchen klare Grenzwerte für die Innenluft

Ein Standpunkt von Michael Müller, NaturFreunde-Bundesvorsitzender und SPD-Umweltexperte

Michael Müller, Bundesvorsitzender der NaturFreunde Deutschlands
© 

Mehr als 30 Jahre ist es her, dass im Bundestag eine Technische Anleitung (TA) Innenraum gefordert wurde, auch von mir. In kaum einem anderen Bereich sind Umwelt- und Gesundheitsgefahren so eng verzahnt wie bei den Innenraumbelastungen.

Immerhin verbringen Menschen hierzulande 80 Prozent des Tages in geschlossenen Räumen. Man muss wissen, dass die Luft innerhalb von Räumen oftmals schlechter ist als außerhalb. Baustoffe und -chemikalien sind starke Schadstoffquellen, auch Teppiche, Tapeten, Möbel, Textilien, Haushaltsmittel oder Kosmetika. Und meist sind es Wechselwirkungen der einzelnen Chemikalien, die gesundheitliche Schäden auslösen. Nur sind die oft unbekannt. Die überfällige TA Innenraum würde die Vielzahl der bestehenden Regelwerke zusammenfassen, ergänzen und auch die Wechselwirkungen der einzelnen Emissionen erfassen.

Auslöser für die Forderung in den 1980er-Jahren waren die vielfältigen Konflikte um „Alltags- Chemikalien“, die teilweise heute noch genutzt werden oder deren Altlasten weiter vorhanden sind. Die Liste dieser Stoffe ist lang: Formaldehyd, Pentachlorphenol, polychlorierte Biphenyle oder auch Asbest.

Seitdem sind neue Emissionsquellen hinzugekommen. Und immer noch werden Risiken chemischer Emissionen verharmlost, verdrängt oder vertuscht. Am Anfang glaubte man sich über Warnungen einfach hinwegsetzen zu können. Der frühere Bundesgesundheitsminister Heiner Geißler ließ einen bereits gedruckten kritischen Bericht der Bundesämter über Formaldehyd einstampfen. Heftiger waren die Auseinandersetzungen um Holzschutzmittel, die zum größten Umweltprozess der deutschen Geschichte führten. Der engagierten Arbeit von Karl-Jürgen Prull im NaturFreunde-Bundesfachbeirat Umweltschutz und Normung – und dort auch Wolfgang Guhle und Joachim Nibbe – verdanken wir, dass es bis heute eine kritische Öffentlichkeit gibt. Chapeau!

Der Staat muss die Menschen schützen
Im Bundestag habe ich damals die Debatte um eine „Chemiepolitik“ begonnen, um zu einer systematischen Erhebung und Bewertung chemischer Risiken zu kommen. Das führte nicht nur zu umfangreichen Anträgen im Parlament, sondern auch zur Enquete Kommission „Schutz des Menschen und der Umwelt“. Durch den deutschen Anstoß begann zum Beispiel eine EU-Chemikalienpolitik (REACH) und manche Auseinandersetzung verlagerte sich nach Brüssel. Dennoch sind längst nicht alle Altlasten beseitigt. Und bis heute gibt es keine TA Innenraum.

Menschen müssen vor gefährlichen und vermeidbaren Belastungen geschützt werden. Diesen Schutz muss der Staat gewährleisten. Eine TA Innenraum erfasst nicht nur einzelne Emissionen, sondern kommt zu einer umfassenden Bewertung der Gefahren. In der Folge werden eine bessere Überwachung, notwendige Vorsorgewerte, klare Verbote, gesetzliche Regelungen, umfassende Normen, mehr Verbraucheraufklärung und transparente Kennzeichnungspflichten möglich. Dann kann es bei Verstößen auch zu wirksamen Bestrafungen und Sanktionen kommen.

Eine TA Innenraum heißt: ganzheitlich bewerten und nachhaltig handeln. Sie wäre ein wichtiger Anstoß für mehr Lebensqualität, damit wir zu energieeffizienten und schadstoffarmen Gebäuden kommen. Beides gehört zusammen. 

Michael Müller, NaturFreunde-Bundesvorsitzender und SPD-Umweltexperte
Dieser Standpunkt erschien zuerst in der NATURFREUNDiN 3-2016.