The lone cyclist

Warum ein 80-jähriger NaturFreund immer wieder mit dem Rad durch die USA fährt - ein Bericht

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Ich bin immer viel Rad gefahren, kreuz und quer durch Europa. Nach Madrid zum Beispiel oder auch an die Fjorde Norwegens: Bis zu 2.000 Kilometer lange Alleinfahrten waren das.

Gelegentlich geisterte auch der Gedanke einer US-Fahrt von Küste zu Küste durch meinen Kopf. Doch wie sollte ich das in den Achtzigern organisieren, so ohne Internet?

Dann 1988, ich war gerade 50 Jahre alt geworden, fiel mir zufällig ein „Rand McNally“-US-Straßenatlas in die Hände. Plötzlich konnte ich eine detaillierte Route von New York nach Seattle berechnen: 5.400 Kilometer.

Als Lehrer hatte ich allerdings maximal die Sommerferien. Sechs Wochen minus An- und Abreise bedeuteten Tagesetappen von etwa 160 Kilometern. Was für eine Herausforderung! Tatsächlich flog ich schon im Juli 1988 nach New York und fuhr dann mit dem Rad nach Seattle. Trotz vieler Anfängerfehler wurde die Tour ein großer Erfolg – und ließ mich nicht mehr los.

Tipps für Nachmacher
Beste Reisezeit Norden: Juli/August; Süden: hochsommerliche Hitzeperiode meiden.
Straßen Interstate Highways haben oft Nebenfahrbahnen („frontage roads“), in dünn besiedelten westlichen Staaten dürfen Seitenstreifen („shoulder“) befahren werden.
Fahrrad Technische Hilfe ist oft weit entfernt: robustes, leicht zu reparierendes Tourenrad mit Dynamo, Gepäckträger und Ständer, vielen Flaschenhaltern, 26er-Rädern (28er-Reifen sind rar), Rückspiegel! Packsystem 4 Packtaschen seitlich, Lenkertasche, Kompressionsbeutel hinten quer.
Übernachten Wild campen (ohne Innenzelt), gute Alternative: „city parks“.
Versorgung Schwierig in dünn besiedelten Gebieten, vorher genau recherchieren.
Radtransport Konditionen bei Fluggesellschaften vergleichen, in der Bahn als Gepäckstück aufgegeben (bei Amtrak für beliebige Entfernung: 10 USD).
Unbedingt mitnehmen Kleine Sprühflasche, um sich bei großer Hitze mit Wassernebel zu kühlen.

Vor 30 Jahren: a twenty-two in Scenic

1. August 1988, South Dakota, Highway 18: Hungrig erreiche ich Batesland. Vor mir liegen die Pine Ridge Reservation und Wounded Knee, wo Indianer im Dezember 1890 massakriert wurden. Ein junger Mann vom Stamm der Lakota bietet mir eine Mitfahrgelegenheit ins Indianerreservat an. Super! Er heißt Kelly Looking Horse und will ein „teepee“ abholen. Wir kommen an eine Stelle, wo unlängst eine Sonnentanz-Zeremonie stattgefunden hat.

Zwischen sonnenverbrannten Präriehügeln steht ein Stamm, von dem farbige Bänder und Schnüre herunter hängen. Kelly erzählt, dass sich Indianer hier vier Tage in Trance getanzt haben. Manche trieben sich dabei kleine Pflöcke unter die Haut, verknüpften sie mit den Schnüren und hängten sich daran. Ich sehe getrocknetes Blut und bin sehr beeindruckt.

Als das Tipi auf dem klapprigen Straßenkreuzer verzurrt ist, will Kelly sich noch beim uralten Medizinmann bedanken. Der sitzt würdevoll vor seinem abgenutzten „mobile home“. Die beiden jungen Männer neben ihm sind allerdings sturzbetrunken. Jetzt am Monatsanfang sind die „welfare checks“ eingetroffen. In diesen entlegenen Reservaten gibt es kaum Arbeit, dafür Alkoholismus und Gewalt.

Beim Abschied schenkt mir Kelly noch ein Amulett, das mir die Stärke des Adlers verleihen soll. Trotzdem wird die Weiterfahrt zur Quälerei.

Hunger! Endlich erreiche ich Scenic: eine Handvoll Häuser, wie aus einem Western. Und – ah – ein „saloon“ von 1906. Kaum bin ich drin, bricht auch schon ein Präriegewitter los. Indianer kommen herein, kaufen Bier und verschwinden wieder.

Ich frage eine junge Frau nach ihrem frischen Oberarmverband. „Oh, that's nothing!“ Dann aber sagt sie: „It's a twenty-two.“ Eine Schussverletzung. „And who did that?“ „My sister.“

20 Radreisen in 30 Jahren

Sechsundzwanzig Jahre später treibt mich die Neugier zurück. Aber nun sind alle Gebäude vernagelt. Scenic ist zur Geisterstadt geworden.

Insgesamt habe in den letzten 30 Jahren 20 Radreisen durchgeführt und dabei 76.400 Kilometer in den USA, Kanada und Nordmexiko zurückgelegt. Nur dreimal endeten meine Touren vorzeitig: Im Jahr 2008 wurde ich in Pennsylvania bei einem Autounfall mit Fahrerflucht schwer verletzt, 2009 wurde in der Nähe von Toronto mein Rad mit der gesamten Ausrüstung geklaut und 2016 wurde ich nach vier Tagen in der Gluthitze Arizonas in ein Krankenhaus eingeliefert – akuter Flüssigkeitsmangel.

Längst verzichte ich auf eine gezielte körperliche Vorbereitung und vertraue darauf, dass sich meine Leistungsfähigkeit während der Tour steigert. Dafür ist mir die Planung wichtiger geworden. Dank Google Maps erkenne ich zu Hause, in welchem Präriekaff ich essen oder einkaufen kann oder hinter welchem Gebüsch mein Zelt Sichtschutz finden könnte.

Alle so recherchierten Informationen fließen ein in eine eng bedruckte, mehrseitige Liste mit Zeitplan, die ich dann nur noch abfahren muss. Auch ohne Navigationsgerät weiß ich so genau, welchen Punkt ich am Abend erreicht haben muss.

Warum ich diese Touren mache? Da sind natürlich die Begegnungen mit den Menschen. Radfahrer in den USA sind zumindest auf dem Land nahezu unbekannte Wesen und werden oft angesprochen. Dort bin ich der „lone cyclist“. Dann ist da das Durchfahren gegensätzlichster Landschaften, das Empfinden von Weite, wie es in Mitteleuropa kaum möglich ist. Eine solche Tour bedeutet auch einen nicht zu unterschätzenden Gewinn an Kraft, sowohl körperlich als auch mental. Man muss so viele Widerstände überwinden und Probleme lösen. Das gibt innere Sicherheit, von der man lange zehren kann.

Im Sommer wieder 3.210 Kilometer

Was mit dem Fahrrad möglich ist, habe ich übrigens schon als Zehnjähriger begriffen. Das war im Jahr 1948, und meine Familie unternahm eine Radreise nach Norderney. Unterwegs zelteten wir und kochten auf dem Spiritusbrenner. Die Insel hatten wir dann ganz für uns allein – niemand konnte sich damals eine Urlaubsreise leisten.

Und ja, auch mit 80 Jahren mache ich das noch. In diesem Sommer werde ich 3.210 Kilometer von Fargo in North Dakota nach Tucson in Arizona fahren. Sobald ich unterwegs in mein kleines Zelt krieche, bin ich glücklich und zufrieden und fühle mich wie zu Hause. On the road again.

Walter Junghänel
NaturFreunde Gladbeck

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