Rechte Erzählungen gegen den sozial-ökologischen Wandel

FARN-Analyse: Warum ökologische Verantwortung als Bedrohung geframt wird

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Als „Projekt Untergang“ hat Philosoph Leander Scholz die sozial-ökologische Transformation in der Welt bezeichnet. Was als intellektuelle Provokation daherkommt, fügt sich nahtlos ein in eine breitere Gegenbewegung: den Versuch, ökologische Verantwortung als Bedrohung statt als Fortschritt zu rahmen.

Spätestens seit dem Jahr 2019, dem Höhepunkt der „Fridays for Future“-Bewegung, erklärten die AfD und rechte Publikationen Klimaschutzinitiativen sowie die Partei Die Grünen zum Hauptfeind. Darin waren sie sich einig mit konservativen und liberalen Kräften. Der gemeinsame Nenner ist ein individualisierter Freiheitsbegriff. Jede Einschränkung und jede Regel wurden schnell als Verbote gebrandmarkt. Jede noch so dürftige Klimaschutzmaßnahme wird als Vorbotin einer öko-sozialistischen Planwirtschaft attackiert.

Profitinteressen gegen die Abkehr von fossiler Energie

Klimaschutz spielt denn auch in der derzeitigen Regierung keine Rolle mehr: Sie treibt den massiven Ausbau der Gasinfrastruktur voran, klammert sich an den Verbrenner und will die lang diskutierten Kompromisse im sogenannten Heizungsgesetz zurücknehmen.

Die gemeinsame Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz (FARN) von NaturFreunden und Naturfreundejugend identifiziert rechtsextreme und menschenverachtende Ideologien und Denkmuster im Natur- und Umweltschutz und erarbeitet menschenbejahende und demokratiefördernde Gegenentwürfe.
www.nf-farn.de

Einerseits geht es hier um knallharte Profitinteressen: Mit der Abkehr von fossiler Energie würde ein bisher sehr lukratives Geschäftsmodell enden. Dieses Ende versuchen die fossile Industrie und ihr zugeneigte Politiker*innen hinauszuzögern, nicht zuletzt mit Scheinlösungen wie die Umstellung auf Wasserstoff.

Andererseits verbirgt sich hinter dem Begriff sozial-ökologische Transformation auch die Erkenntnis, dass der Klimakrise nicht mit rein naturwissenschaftlichen Maßnahmen begegnet werden kann. Der fortschreitende Klimawandel ist eng gekoppelt an andere Ungerechtigkeiten wie etwa den Rassismus und die Benachteiligung von Frauen oder Menschen mit Behinderungen. Ein wirksames Eindämmen der Klimakrise kann nur gelingen, wenn die Gesellschaft gerechter wird.

Schulterschluss von konservativen, liberalen, marktlibertären und (extrem) rechten Kräften

Dagegen regt sich Widerstand von Gruppen und Milieus, die ihren Einfluss und ihre Vormachtstellung dem bisherigen System verdanken – und die nun herausgefordert werden. In der Ablehnung der sozial-ökologischen Transformation kommt es zum Schulterschluss von konservativen, liberalen, marktlibertären und (extrem) rechten Kräften.

Besonders anschlussfähig sind rechte Deutungen dort, wo reale Zielkonflikte bestehen: Etwa wenn der Ausbau der Windenergie gegen Arten- oder Landschaftsschutz ausgespielt wird oder wenn Heizungs- und Verkehrswende direkt in Alltagspraxen eingreifen. Hier gelingt es, berechtigte Unsicherheiten in offene Feindbilder zu verwandeln – Städter*innen gegen Landbevölkerung, „Klimaaktivist*innen“ gegen „arbeitende Mitte“, „NGO-Eliten“ gegen „kleine Leute“. Komplexe Aushandlungsprozesse werden so zu einfachen Frontlinien, an denen Gefühle von Ohnmacht, Überforderung und Kontrollverlust gebündelt werden.

Die großen Erzählungen der Gegenwart umzuschreiben

Die rückwärtsgewandten Reaktionen auf die sozial-ökologische Transformation sind damit weit mehr als ein reflexartiges „Dagegensein“. Sie sind der Versuch, die großen Erzählungen der Gegenwart umzuschreiben: aus einer Geschichte gemeinsamer Verantwortung und notwendiger Veränderung wird die Story einer angeblich aufgezwungenen Zumutung, gegen die man sich „wehren“ müsse.

Für progressive Akteur*innen bedeutet das, nicht nur auf Fakten zu setzen, sondern eigene, glaubwürdige Zuversichtserzählungen zu entwickeln, die Konflikte nicht beschönigen, aber zeigen, dass eine lebenswerte, gerechte Zukunft keine Bedrohung, sondern vielmehr ein gestaltbares Versprechen ist.

Florian Teller
NaturFreunde-Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz (FARN)

(Dieser Artikel ist bereits erschienen in NATURFREUNDiN 1-26, dem Mitgliedermagazin der NaturFreunde Deutschlands.)