Zwei gute Tage für den Kohleausstieg

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Rund 50.000 Menschen haben Samstag am Hambacher Wald in Nordrhein-Westfalen friedlich für einen schnellen Kohleausstieg demonstriert und vom Energiekonzern RWE einen Komplettverzicht auf die geplante Rodung des Hambacher Waldes gefordert. Dabei sah es noch am Freitagmorgen so aus, als dürfe die von den NaturFreunden Deutschlands für das Demobündnis angemeldete Demonstration Wald retten! Kohle stoppen! überhaupt nicht stattfinden.

Am Donnerstagabend hatten Behörden nämlich versucht, die Großveranstaltung zu verhindern, woraufhin NaturFreunde-Bundesvorstandsmitglied Uwe Hiksch am Freitagmorgen für das Bündnis Klage beim Verwaltungsgericht Aachen einreichte, die schließlich auch erfolgreich war. Ebenfalls am Freitag wurde bekannt, dass auch eine Klage des BUND zu einem mittelfristigen Rodungsstopp des Hambacher Waldes Erfolg hatte, der Wald also vom Energiekonzern RWE in diesem Jahr nicht mehr abgeholzt werden darf.

Der Donnerstag war also schon der erste gute Tag für den Kohleausstieg, der den im Demobündnis engagierten Organisationen – NaturFreunde Deutschlands, BUND, Campact, Greenpeace und der lokalen Initiative Buirer für Buir – zwar einige Nerven kostete, letztlich aber auch nochmals viele Menschen motivierte, an den schon lange geplanten Protesten nun auch wirklich teilzunehmen.

So kam es also doch noch zur bislang größten Anti-Kohle-Demonstration im Rheinischen Revier – und damit dem zweiten zweiten guten Tag für den Kohleausstieg. Während sich vor der Bühne am Veranstaltungsort zwischen Buir und Morschenich (alt) schon Zigtausende Menschen, darunter viele Familien, versammelt hatten, um Reden und Musik zu hören – zum Beispiel unterstützte auch die Pop-Rock-Band Revolverheld spielend den Kohleprotest –, herrschten auf den zubringenden Bahnstrecken und Straßen zum Teil chaotische Zustände.

Unzählige Demonstranten unternahmen teilweise kilometerlange Wanderungen über Feldwege, um den Veranstaltungsort überhaupt noch zu erreichen, gruppierten sich unterwegs und bildeten schließlich nicht enden wollende Menschenströme, die bester Laune und teilweise singend zum Kundgebungsort liefen. Jürgen Lamprecht, Landesvorsitzender der NaturFreunde Hessen und Mitorganisator von sieben Bussen ab Frankfurt/Main, berichtete, dass ihm selbst dann noch Menschenmassen entgegenströmten, als die Frankfurter sich bereits bereits wieder auf den Rückweg zu ihren Bussen machten.

Die hohe Zahl an Demonstranten ist interessant, könnte man doch auch auf den Gedanken kommen, dass sich mit der gewonnenen BUND-Klage und dem mittelfristigen Rodungsverbot für RWE der eigentliche Grund für die Demonstration vielleicht erledigt hätte. Schließlich ist das Demonstrationsziel „Wald retten – Kohle stoppen“ vorerst erreicht und sowohl RWE als auch die nordrhein-westfälische Landesregierung sowie die untätig gebliebene Bundesregierung stehen – auch international – ziemlich blamiert da.

Doch vielen Menschen ging es um mehr als den Hambacher Wald. Sie wollen endlich einen konsequenten Klimaschutz und deshalb auch den schnellen Kohleausstieg Deutschlands. Michael Müller, Bundesvorsitzender der NaturFreunde Deutschlands, warnte dementsprechend gleich in seiner Auftaktrede zur Demonstration:

„Es geht hier um sehr viel mehr als den Hambacher Wald. Es geht um die Frage, ob wir die ökologische Selbstvernichtung der Menschheit verhindern können oder nicht. Wir wollen nicht nur den Kohleausstieg, sondern auch raus aus Öl und Gas." Es dürfe nicht sein, so Müller, dass in ein paar Jahrzehnten gesagt werde: „Wir wussten, dass der Mensch den Klimawandel verursacht, aber wir haben nicht gehandelt.“

Müller zufolge steuert die Welt auf Kipppunkte im Klimasystem zu, nach denen auch die größten Anstrengungen kommender Generationen nicht ausreichen werden, um immer mehr Wetterextreme, Ernährungskrisen und die Zerstörung der biologischen Vielfalt zu verhindern (siehe dazu auch die Titelgeschichte des NaturFreunde-Mitgliedermagazins NATURFREUNDiN 3-18 [PDF-Download]).

Dazu muss man wissen: Deutschland ist der weltgrößte Verbrenner von Braunkohle und Braunkohle der klimaschädlichste aller Energieträger. Will Deutschland seine Verpflichtungen im Klimaschutz wissenschaftsbasiert umsetzen, muss die Kohleverstromung bis zum Jahr 2020 halbiert werden. Bis 2030 muss der Ausstieg aus der Kohle weitestgehend abgeschlossen sein.

Vor dem Hintergrund der rasanten Erderhitzung und des Pariser Klimaabkommens – dort wurde festgelegt, dass die Erderwärmung möglichst unter 1,5 Grad gestoppt werden soll – verhandelt gerade die sogenannte Kohlekommission über einen Kohleausstieg Deutschlands und will im Dezember ein Ausstiegszenario vorlegen. Allerdings deutet vieles darauf hin, dass weniger die Menschheitsherausforderung Klimaschutz im Zentrum der Überlegungen steht als vielmehr das Hinauszögern eines extrem klimaschädlichen Zustands, nämlich der Kohleverstromung.

Auch hier warnte Müller: „Wir dürfen die Gesetze der Natur nicht länger ignorieren. Es darf nicht irgendeinen Deal geben. Es geht allein um das schnelle Aussteigen aus den fossilen Brennstoffen.“

Eine der emotionalsten Reden der Demonstration hielt übriegens der Senegalese Mamadou Mbodji, Vizepräsident der NaturFreunde Internationale (NFI). Sehen Sie am besten selbst im Video:

Weitere Bilder

Hambacher Wald Stop-Kohle-Demo 2018

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