Die Umweltpolitik muss zur Gesellschaftspolitik werden!

Nachhaltigkeit solidarisch leben – 30. NaturFreunde-Bundeskongress in Nürnberg wählte Michael Müller mit großer Mehrheit erneut zum Bundesvorsitzenden

Der 30. Bundeskongress der NaturFreunde Deutschlands, der vom 31. März bis zum 2. April in Nürnberg tagte,  fand in einer Zeit tief greifender Umbrüche statt.

"Die Industriegesellschaften haben die ökologischen Grenzen des Wachstums überschritten", warnte Michael Müller. "Setzen sie unter den heutigen Bedingungen auf mehr Wachstum, schädigen sie unverantwortlich die Natur und damit die Lebensgrundlage kommender Generationen. Bremsen sie aus ökologischen Gründen das wirtschaftliche Wachstum, nehmen soziale Unsicherheit und Arbeitslosigkeit zu. Ohne wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturreformen wird es keinen Fortschritt geben.“

Das höchste Gremium der NaturFreunde Deutschlands tagte unter dem Motto Nachhaltigkeit solidarisch leben. Rund 120 Delegierte und 60 Gastdelegierte berieten insgesamt 55 Anträge und zahlreiche Initiativanträge und debattierten dabei unter anderem über die sozialökologische Transformation, Natur-, Umwelt- und Klimaschutz sowie Friedenspolitik, aber auch Satzungsänderungen, Beitragssätze und den Versicherungsschutz.

Als Leitantrag wurde ein Manifest für eine soziale und ökologische Transformation verabschiedet, zudem wurde in einer Resolution auch das NaturFreunde-Verständnis von Umweltpolitik neu definiert. Darin heißt es: "Unsere Geschichte ist der Kampf gegen die Aus­beutung des Menschen UND die Ausbeutung der Natur. Wir sehen das als Einheit an."

Vortrag "Great Transformation: Die Zukunft moderner Gesellschaften"
(Vortrag von Prof. Dr. Klaus Dörre vom Institut für Soziologie der  Friedrich-Schiller-Universität Jena zum 30. ordentlichen Bundeskongress der NaturFreunde Deutschlands in Nürnberg. Den Audiomitschnitt (55 Minuten) finden Sie hier.)

Zahlreiche prominente Rednerinnen und Redner sprachen zu den Delegierten: Die Bayerische Umweltministerin Ulrike Scharf betonte unter anderem die besondere Bedeutung des Ehrenamts im Naturschutz und äußerte sich auch zu einem dritten Nationalpark in Bayern – nicht aber zum aktuellen Beschluss des Bayerischen Kabinetts, erstmalig nach 45 Jahren den Alpenplan aufzuweichen und eine Skischaukel am Riedberger Horn zuzulassen. Christian Schwarzkopf, Landesvorsitzender der NaturFreunde Bayern, sagte nach ihrer Rede: "Wenn Umweltministerin Scharf die Natur in Bayern so schön findet, soll sie das Riedberger Horn so lassen, wie es ist!"

Weitere prominente Redner waren: DGB-Chef Reiner Hoffmann, BUND-Vorsitzender Prof. Dr. Hubert Weiger, Anton Hofreiter (Fraktionsvorsitzende Bündnis 90 / Die Grünen), Franz Müntefering (Präsident Arbeiter-Samariter-Bund), Kurt Beck (Vorsitzender Friedrich-Ebert-Stiftung), MdB Martin Burkert (Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Verkehr und digitale Infrastruktur), Prof. Dr. Thomas Beyer (Vizepräsident AWO Bundesverband) Greet van Gool (Vizepräsidentin NaturFreunde Internationale), Urs Wüthrich-Pelloli (Präsident NaturFreunde Schweiz) und Reiner Prölß (Referent für Jugend, Familie und Soziales der Stadt Nürnberg).

Kongress-Fotos auf Flickr (CC-Lizenz)

Mehr Mitbestimmung und weniger Verwaltungsaufwand für Ortsgruppen

Der Bundeskongress erweiterte die innerverbandlichen Rechte der Ortsgruppen derart , dass sie nun selbst Anträge an den Bundeskongress stellen können. Bisher war das Antragsrecht nur Bundesgremien und Landesverbänden vorbehalten. Möglich wurde diese Stärkung der innerverbandlichen Demokratie durch Satzungsänderungen. Auch inhaltlich wurde die Satzung nachgebessert. So bezeichnet die Präambel die NaturFreunde nun auch explizit als Sportorganisation. Zudem wurde eine neue Bundesschiedsordnung beschlossen, die bald im NaturFreunde-Intranet zum Download bereit steht.

Die Delegierten beschlossen auch, den bereits vor drei Jahren begonnenen Prozess der Verbandsentwicklung fortzusetzen. Aus­ge­hend von den drei zentralen Arbeitsfeldern der NaturFreunde – sozialökologische Politik, nachhaltiger Tourismus und geselliges, kul­tu­relles Verbandsleben – sollen weitere Schritte zu mehr Professionalität und Projektarbeit gegangen werden. Ein zentraler Punkt dabei ist: Aus dem vielfachen Nebeneinander von Bundes­gruppe, Lan­desverbänden und Ortsgruppen soll ein stärkeres Miteinander werden. Das ist auch das Motto von fünf Regionalkonferenzen, die der Bundesvorstand für die Regionen Bayern (9. Juli im Bootshaus München [N 72]), Südwest, Mitte, Nord und Ost plant (Termine und Orte werden noch mitgeteilt).

Diese Konferenzen sollen Ortsgruppenvorsitzende, Fachgruppenleiter, Landes- und Bezirksvorstände sowie den Bundesvorstand mit interessierten Mitgliedern zusammenbringen, um sich gemeinsam über die Zukunft der NaturFreunde zu verständigen. Auch in politischen Fragen. Das Ziel ist eine stärkere innere Verbundenheit im Sinne einer naturfreundlichen Identität sowie eine geschlossene Außenwirkung.

Das Beschlussheft des 30. Bundeskongress mit vielen starken Positionen in den Themenbereichen sozialökologische Transformation, Natur- und Umweltschutz, Klimaschutz, Energie, Verkehr und Tourismus, Landwirtschaft und Ernährung sowie Friedenspolitik und Anti-Rassismus wird bald an alle Ortsgruppen verschickt. Nutzt die Beschlüsse für eure inhaltliche Arbeit, setzt sie auf eure Internetseiten, sprecht mit euren Kooperationspartnern darüber.

"Die ökologische Selbstvernichtung ist längst denkbar geworden"

Nochmals Michael Müller: "Der Schutz von Natur  und Umwelt ist das zentrale Zukunftsthema. Denn die ökologische Selbstvernichtung ist längst denkbar geworden. Der Umweltschutz hatte noch nie eine so hohe Bedeutung wie heute. Trotzdem verliert er in der realen Politik an Relevanz. Das ist eine sehr besorgniserregende Entwicklung. Wir NaturFreunde fordern eine Neuorientierung der Umweltpolitik: Sie muss zur Gesellschaftspolitik werden, eng verbunden mit einer solidarischen Verteilung der Lasten des ökologischen Umbaus der Gesellschaft. Wir brauchen eine neue Kultur des solidarischen Zusammenlebens, die ausgehend von den ökologischen Grenzen des Wachstums zu mehr Gerechtigkeit führt."

„Wir wollen eine absolute Entkopplung der Nutzung der Natur von der wirtschaftlichen Entwicklung erreichen. Weil wir aber wissen, dass Nachhaltigkeit gesellschaftlich erkämpft und politisch durchgesetzt werden muss, wollen wir auch einen Beitrag zur Politisierung der Gesellschaft leisten."
Michael Müller, Bundesvorsitzender der NaturFreunde Deutschlands


Nachdem bereits am Samstag Michael Müller mit großer Mehrheit als Bundesvorsitzender bestätigt worden war, wählte der Kongress am Sonntag einen neuen Bundesvorstand. Stellvertretende Bundesvorsitzende sind Kai Niebert, Regina Schmidt-Kühner, Tilmann Schwenke und Clara Wengert, Uwe Hiksch wurde als Bundeskassierer bestätigt. Zum Bundesfachbereichsvorstand Kultur und Bildung wählten die Delegierten Janeta Mileva, Joachim Nibbe ist der neue Bundesfachbereichsvorstand Naturschutz, Umwelt und Sanfter Tourismus, Harald Peschken ist Bundesfachbereichsvorstand Naturfreundehäuserwerk und Häuserarbeit und Wolfgang Spindler der Bundesfachbereichsleiter Natursport. Malin Holtmann vertritt die Naturfreundejugend im Bundesvorstand, Bundesgeschäftsführer Hans-Gerd Marian ist Bundesvorstandsmitglied mit beratender Stimme.

Weitere Impressionen vom Bundeskongress auf Youtube
(gefilmt und produziert von Andreas Schlosser, Naturfreundejugend Bayern)