Der Wald als Safe Place

von Benjamin Stapf, Naturfreundehaus Hardt

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Zwei Familien aus der Ukraine kommen in einem Naturfreundehaus unter, in dem eine Familie aus Deutschland lebt und arbeitet. Plötzlich wohnen zwölf Menschen zusammen, die sich vorher nicht kannten. Wie kommunizieren die Kinder miteinander, ohne gemeinsam gesprochene Sprache? Und wie ist es, sich als Familie mit dem Krieg auseinanderzusetzen? Benjamin Stapf, Leiter des Naturfreundehauses Hardt, über eine besondere Begegnung.

Eines Morgens hielt Joshi vor dem Kindergarten meine Hand und schluchzte ganz bitterlich vor sich hin. Er fragte mich, ob ich denn jetzt auch in den Krieg müsste und ob Deutschland auch bald im Krieg ist und ob dann auch alle Papas nicht wegdürften. Puh, das war ziemlich viel so kurz vor dem Kita-Eingang. Auf die Schnelle tröstete ich ihn mit den Worten: „Bei uns im Wald sind wir sicher und der Krieg ist nicht in unserem Land“. „Dann können wir doch auch andere Kinder bei uns im Wald beschützen“, kam prompt die Antwort. Joshua brachte mich auf eine Idee und diese begann langsam Wurzeln zu schlagen.

Von Berlin zurück in den Wald

benjamin_stapf_140px.jpgDer Autor
Benjamin Stapf lebt mit seiner Frau Tina und seinen drei Kindern im „Naturfreundehaus Hardt“ in Bergisch Gladbach. Das Paar leitet den Betrieb seit 2013.

© Foto: Naturfreundehaus Hardt

Nun ist es Samstagmorgen, 4 Uhr in der Früh, und ich fülle mir gefühlt 10 Liter Kaffee in die Thermoskannen. Normalerweise werden meine Frau Tina und ich um diese Uhrzeit mindestens von einem unserer Kids geweckt, indem es sich ganz leise und heimlich komplett über unsere Gesichter rollt, um dann selig nach einem tiefen Seufzer weiterschläft, während ich dann gefühlt für den Rest der Nacht nicht mehr wirklich zur Ruhe komme.

Heute ist es anders, denn ich bin mit meinem wunderbaren Freund Robert auf dem Weg nach Berlin, um Hilfsgüter abzugeben und Menschen aus der Ukraine mit zurückzunehmen, die auch bei uns im Haus unterkommen können. Kein blinder Aktionismus, sondern alles geplant und besprochen mit der Aktion „Köln hilft“, wobei uns Anna als Organisatorin die ganze Zeit zur Seite stand und wirklich immer an ihr Telefon gegangen ist, wann auch immer.

Nun rollen wir gemächlich Richtung Sonnenaufgang und unserer Hauptstadt entgegen und haben dank so vieler toller Freund*innen ein gut gefülltes Spendenkonto für Sprit, Nahrung und die ersten Einkäufe nach unserer Rückkehr. Da dies hier kein Reisebericht werden soll, kürze ich das Ganze etwas ab. Angekommen in Berlin nach einer entspannten Fahrt mit ernsten Themen, aber auch sehr vielen „Alf“-Hörspielen, laden wir unseren Bus aus und fahren zum „pick up point“, um unsere Fahrgäste aus der Ukraine mit zurück nach Bergisch Gladbach zu nehmen. Ich kenne Flüchtlingsarbeit und im Besonderen die Arbeit mit Kindern. Das ist belastend, aber ich kann da professionell mit umgehen, denn das ist mein Job.

Nun treffen wir auf Marina und Nastiia mit ihrem drei, fünf und acht Jahre alten Nachwuchs – alle so alt wie unsere Kids. Es bedrückt mich, wenn ich mir vorstelle, wie seltsam es für die Familien sein muss, zu zwei völlig fremden Männern ins Auto zu steigen und quer durch Deutschland zu fahren. Ich hatte Marinas Nummer über Anna von „Köln hilft“ bekommen. Sie kann Englisch und so konnten wir uns im Vorfeld etwas austauschen. Auch haben wir Fotos von unserer Familie geschickt und alle Familienmitglieder vorgestellt, sodass zumindest nicht alles ganz fremd erscheint.

Robert hat mit seinem sonnigen Gemüt und seinem ansteckenden Lachen die Kids sofort auf seiner Seite gehabt. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde ging es zurück nach Bergisch Gladbach. Tina und unsere Kinder warteten schon ungeduldig auf die Rückkehr. Samstagabend um acht Uhr saßen wir dann alle bei uns in der Stube. Sieben Kinder und fünf Erwachsene. Der Kamin war an, es wurde Pizza bestellt und gemeinsam getrunken. Unsere Mitreisenden waren froh, endlich irgendwo angekommen zu sein. Eine seltsame, nicht zu beschreibende Euphorie stellte sich ein.

Der Wald als Safe Place

Nach einer Woche haben wir eine gemeinsame Routine gefunden. Unsere Gäste sind bei uns im Naturfreundehaus untergekommen und benutzen den Selbstversorgerraum als Aufenthaltsraum und Küche. Noch haben wir keine Saison und die ersten kommerziellen Übernachtungen finden in drei Wochen statt. Wir Erwachsenen liegen auf einer Wellenlänge. Wir werden täglich zu wirklich köstlichen Leckereien eingeladen und die Gespräche werden persönlicher. Unsere Kids sind ein unzertrennlicher Haufen geworden. Kommunikation funktioniert auch ohne Worte. Das ist wirklich schön mitanzusehen. Wir haben uns lange über Sicherheit unterhalten und über Kinder und darüber, wie wichtig ein Platz ist, an dem es sich wohl und geborgen anfühlt.

Jetzt sitze ich hier im Wald, es ist warm und die Kinder klettern jauchzend über das Dach unseres Ziegenstalls. Dieses wunderbare warme Licht der Nachmittagssonne lässt alles so friedlich erscheinen. Marina lächelt mich an und sagt: „Benjamin, this is a real safe place“. Oh ja.

Janosch und Joshua haben sich direkt am ersten Tag mit unseren Gastkids verabredet, um ihnen den Wald und unseren Spielplatz zu zeigen. Kira ist acht und sie kann etwas Englisch. Janosch und sie passen gemeinsam auf die jüngeren Geschwister auf. Anna, Joshi und Nikita, alle fünf Jahre alt, achten auf die beiden 3-jährigen Vera und Hannah. Ich denke, es kann geahnt werden, dass hier keine Langeweile herrscht. Da unsere Gastkinder viel in der Natur unterwegs sind, haben sie hier durch den Wald und die Wiesen ein Stück Vertrautes, etwas, wo sie sich von Anfang an wohlfühlen können. Es braucht nicht viel – kein gespendetes Spielzeug aus Plastik oder Handys. Hier nicht.

Ein tägliches Ritual

Um einen Alltag zu schaffen, haben wir begonnen, jeden Nachmittag nach der Schule und dem Kindergarten eine gemeinsame Hunderunde durch unser Bergisches Land zu machen. Weit kommen wir nicht. Schon springen die Kinder über die Gräben am Wegesrand und Joshi fängt an, im Sand zu buddeln. Wie weit wir wohl kommen werden? Aber das ist zweitrangig.

Wir nutzen die Zeit um zu besprechen, wer was benötigt und wie wir die Erledigungen in unser dezent ausgebuchtes Leben integrieren. Arztbesuche und Anträge beim Amt stehen hier auf der Tagesordnung. Janoschs Rektorin hat angerufen und Kira darf ab sofort mit ihm seine Klasse besuchen. Also brauchen wir Schulsachen. Durch die Hilfsbereitschaft unserer Freund*innen und unseres „Haushardt Netzwerks“ müssen wir aber nicht lange auf einen bedürfnisorientierten Rucksack warten. Wieder etwas geschafft.

Viele Fragen

Wir leben nun schon eine Weile zusammen und reden offen über den Krieg und aktuelle Geschehnisse. Vieles, was ich an Informationen bekomme, ist nicht schön, aber ich finde es wichtig, auch mit unseren Kindern über die politische Lage in der Ukraine zu sprechen – auch über die unschönen Dinge. Marina antwortet kindgerecht und emphatisch auf die neugierigeren Fragen unserer Kids und ich bewundere sie für ihre Ruhe und Geduld. Abends fragen mich Joshi und Janosch, wie lange der Krieg noch dauert und wann unsere neu gewonnenen Freund*innen denn zurückmüssen. Leider kann ich diese Fragen nicht beantworten. Niemand kann das. Aber wir können alle ein Stück weit helfen, das gemeinsame Leben hier so angenehm wie möglich zu machen. „Wie ein Feuer zu machen und Marshmallows zu grillen?“ fragt Janosch. „Oder sich ein Eis schnappen und damit in den Wald zu gehen,“ fällt Joshi dazu ein. „Ja von allem ein bisschen,“ antworte ich beiden. Der Krieg ist bei uns angekommen und oft breitet sich Hilflosigkeit bei uns aus. Aber gemeinsam erleben wir auch schöne Dinge, deren Erwähnung sich lohnt.

Glück

Wir haben im Nachbarort gemeinsam mit meinem Freund Markus ein Häuschen für Marina, Nastiia und die ganze Bande gefunden. Dort können sie unbefristet bleiben. Auch ein Auto wird es geben. Marina ist Fotografin und fängt die Stimmung von Kindern und der Natur so ein, wie ich es niemals könnte. Sie berührt mich mit ihren Fotos wirklich zutiefst und ich konnte sie dazu gewinnen, mir Fotos für diesen Beitrag zur Verfügung zu stellen. Nastiia ist Erzieherin und wir warten, bis sie sich hier in der Kita einbringen kann.

Wir sind Freund*innen geworden in einer wirklich verrückten Zeit. Unsere Kinder werden weiterhin gemeinsam den Wald unsicher machen und auch die Hunderunde wird ein wichtiger Bestandteil unserer Aktivitäten bleiben. Ich nehme viel mit aus der letzten Zeit: In erster Linie Demut für das, was wir hier im Wald für einen Ort haben, und wie gut es uns geht – in Sicherheit. Der Respekt vor diesen unfassbar starken und mutigen Frauen und ihren Kindern, die so offen und selbstbewusst in einem fremden Land auf Menschen und Situationen zugehen, ist nicht in Worte zu fassen. Ebenso wie die Hilfsbereitschaft von Freund*innen und Fremden, die uns fast schon mit Hilfsangeboten überhäuft haben.

Odessa

Wann es zurück nach Odessa geht, steht in den Sternen. Natürlich lieber so früh wie möglich. Momentan ist das Leben der Familien getrennt von Papa, Oma und Opa oder den Haustieren. Ich habe festgestellt, dass ich unseren Kindern die Angst vor Krieg nicht nehmen kann, und Joschi kann den Krieg immer noch nicht verstehen – aber wer kann das schon? Trotzdem finde ich es wichtig, das Thema nicht zu verdrängen, sondern es auf Augenhöhe mit unseren Kindern zu kommunizieren. Aber Joschi ist sich sicher, dass, wenn alle Kinder im Wald spielen und alle Erwachsenen raus in die Natur gehen und zum Beispiel Eis essen, gar keine Zeit für Krieg ist. Naiv, aber auch ein schöner Gedanke unseres 5-Jährigen.

In diesen Momenten, wenn unsere Kinder lachend auf den Bäumen sitzen, Hannah ganz still hält, während Marina ihr einen Zopf flicht, oder Joshi ganz hin und weg von den vielen neuen Kindern ist, Nikita vor Lachen Bauchschmerzen bekommt und kurz alle Ängste und Sorgen vergisst, dann ist das ganz wunderbar mitanzusehen. In diesen Momenten ist der Krieg ganz weit weg. In diesen Momenten lachen auch Marina und Nastiia. Und wer weiß, vielleicht sitzen wir ja auch mal am Schwarzen Meer und schauen unseren Kindern zu, wie sie grölend durch die Landschaft laufen. Bis dahin toben die Kinder weiter gemeinsam über unser Gelände, den Wald, am Bach entlang bis zum Ziegenstall, auf dem sie sich in die Sonne legen und unbeschwert und einfach sie selbst sein können.

Unserem kleinen großartigen Menschen, der Auslöser für meinen Denkanstoß war und letztlich eine wunderbare Aktion ins Leben gerufen hat, danke ich zutiefst. Wir sollten viel öfter über das Nachdenken, was unser Nachwuchs von sich gibt.

Benjamin Stapf
Naturfreundehaus Hardt

Dieser Artikel ist zuerst erschienen im Känguru Stadtmagazin für Familien in Köln Bonn.

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51429 Bergisch Gladbach-Herkenrath
Übernachtungsplätze vorhanden
vollbewirtschaftet