Das ist die Lippe – Flusslandschaft des Jahres 2018/19

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Die Lippe ist als "Flusslandschaft des Jahres 2018/19" vom Beirat für Gewässerökologie ausgezeichnet worden. Das gemeinsame Fachgremium des Deutschen Angelfischerverbandes (DAFV) und der NaturFreunde Deutschlands (NFD) hebt mit dieser Auszeichnung die Besonderheiten und den Schutzbedarf des nordrhein-westfälischen Flusses hervor.

Die Lippe, ein rechter Nebenfluss des Rheins, ist ein typischer Flachlandfluss. Sie entspringt am Südrand des Teutoburger Waldes, durchfließt das nördliche Ruhrgebiet und mündet nach 220 Kilometern bei Wesel in den Rhein. Ihr Einzugsgebiet ist knapp 4.880 Quadratkilometer groß.

Typisch für einen Fluss, der einer Karstquelle entspringt, hat die Lippe im Oberlauf eine relativ starke Wasserführung und eine – verglichen mit anderen Flüssen – geringe Schwankung der Wassertemperatur.  Nach umfangreichen Renaturierungsmaßnahmen während der letzten 20 Jahre konnten sich längere Abschnitte der Lippe wieder zu einem naturnahen Fluss entwickeln. Unter anderem sind mittlerweile Störche und Biber an die Lippe zurückgekehrt.

„Im Hammer Stadtgebiet zum Beispiel können Bürger hautnah die Renaturierung eines Fließgewässers erleben. Der Spagat zwischen Naturschutz und Naherholung ist hier eindeutig gelungen. Das ist ein Gewinn für die ganze Bevölkerung“, so Udo Gonsirowski von den NaturFreunden Hamm-Werries, der als regionaler NaturFreunde-Ansprechpartner der Flusslandschaft der Jahre 18/19: Lippe fungiert. „Wir NaturFreunde in Nordrhein-Westfalen wollen uns an der Lippe auch mit unserem neuen ‚WasserWege‘-Projekt engagieren, das sozialökologische Themen der Region mit Wanderungen am Wasser kombiniert.“

Vor hundert Jahren war die Lippe in großen Teilen kanalisiert
Schon für die Römer war die Lippe ein wichtiger Transportweg. Sie nahmen erste Veränderungen an der Gestalt des Flusses vor, um besser ihre Lager versorgen zu können. Ab dem 13. Jahrhundert wurde der Fluss vielfach gestaut, um Mühlen zu betreiben. Später erfolgten immer stärkere Begradigungen, um die landwirtschaftlichen Produktionsbedingungen zu verbessern, aber auch um den Fluss für den Schiffsverkehr nutzbar zu machen.

Anfang des 20. Jahrhunderts war die Lippe ein massiv beeinträchtigtes Gewässer. Es gab kaum noch natürliche Bereiche, der Großteil des Flusses war kanalisiert. Hinzu kamen immer mehr Abwässer auch aus der Industrie und dem Bergbau. Im Jahr 1926 wurde daraufhin der Lippeverband gegründet, welcher erstmals Maßnahmen zur Abwasserreinigung und zum Hochwasserschutz einleitete.

Das Fließgewässer wurde bereits erfolgreich renaturiert
Der Lippeverband konnte in den 1990er-Jahren die Wassergüte der Lippe durch den Ausbau der Kläranlagen erheblich verbessern. Mit dem Lippeauenprogramm werden seit 1995 in vielen kleinen Schritten Uferabschnitte umgestaltet: Steinerne Befestigungen werden durch Uferabbrüche, kleine Aufweitungen und Inseln im Fluss ersetzt. Seit 1995 werden auch die Bestanddaten der Fische systematisch erhoben.

In den Jahren 2005 bis 2015 hat der Lippeverband gemeinsam mit der Stadt Hamm das „LIFE-Projekt Lippeaue“ umgesetzt. Dabei wurden weite Auenbereiche reaktiviert und naturnah gestaltet. Es zeigte sich, dass viele Fischarten sehr schnell auf die Verbesserungen reagierten. Beispielsweise tauchten bereits im ersten Sommer nach Baumaßnahmen in der Hellinghauser Mersch Äschen auf, die vorher in diesem Flussabschnitt fehlten, auch Schmerlen gab es nun fünfmal häufiger als in der alten, begradigten Lippe. Zudem wurden Fische wie zum Beispiel die Quappe erfolgreich wieder angesiedelt.

Aber nicht nur Pflanzen und Tiere, sondern auch die Menschen haben von den Entwicklungen profitiert: Mit der Renaturierung hat sich der Hochwasserschutz deutlich verbessert. Heute wird die Lippe und ihre angrenzende Landschaft als Naherholungsgebiet geschätzt und genutzt, zum Beispiel für Kanu- oder Radtouren (Römer-Lippe-Route) oder zum Wandern.

Der Otter besucht wieder regelmäßig die Lippeaue
Auf der Lippe und ihren Nebengewässern leben das ganze Jahr über Enten, Gänse, Schwäne, Taucher und Rallen. Einzelne Paare der bedrohten Arten Knäk-, Löffel- und Schnatterente brüten regelmäßig dort, ebenso der Eisvogel. An der Lippe gibt es zudem zunehmend Tiere, die aufgrund der in den letzten Jahren durchgeführten gewässerökologischen Verbesserungsmaßnahmen den Fluss als Lebensraum wiederentdecken. Beispiele sind die Rückkehr des Bibers, des Weißstorchs, der Großlibelle Gemeine Keiljungfer und der Uferaas oder Kornmotte genannten Eintagsfliege. Auch der Otter besucht inzwischen wieder regelmäßig die Lippeaue.

Mit ihrer relativ hohen Wasserqualität bietet die Lippe Lebensraum für Fischarten wie Quappe und Steinbeißer, auch die Flußkahnschnecke und die Glanzleuchteralge konnten nachgewiesen werden. In Feuchtwiesen und anderen naturnahen Lebensräumen entlang der Aue kommen zum Beispiel Wachtelkönig, Laubfrosch und Lauch-Gamander vor.

Seit dem Jahr 2003 weiden auch polnische Konikpferde in der Lippeaue, ein Geschenk der niederländischen Forstverwaltung. Koniks sind die letzten Nachfahren der europäischen Wildpferde. Sie schaffen gemeinsam mit Rindern in einigen Bereichen ein Mosaik unterschiedlicher Wiesen- und Weiderasen – und damit ideale Lebensräume für beispielsweise den Weißstorch.

Im Gegensatz zu anderen Flussystemen ist die Lippe für Fische und andere Wasserlebewesen verhältnismäßig durchgängig, insbesondere gilt dies für die ersten 80 Kilometer ab der Mündung. Wanderfische finden dort zudem in den vielen kleinen Zuflüssen potenzielle Laichhabitate. Wasserkraftanlagen gibt es im gesamten Flussverlauf kaum und die wenigen Querbauwerke im Oberlauf verfügen meist über Fischaufstiegsanlagen, die allerdings teilweise veraltet oder ungünstig angelegt sind. Gerade im Oberlauf besteht noch Handlungsbedarf, damit auch die Zuflüsse Alme, Pader und Beke für Fische erreichbar werden.

Weitere Maßnahmen sind geplant
Auch in den nächsten Jahren sollen vielfältige Maßnahmen durchgeführt werden, damit sich der Zustand des Gewässers weiter verbessert. Durch die Europäische Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) ist die Bundesrepublik Deutschland dazu verpflichtet: Die WRRL legt fest, dass alle Mitgliedsstaaten oberirdische Gewässer so zu bewirtschaften haben, dass ein guter ökologischer und chemischer Zustand erhalten oder erreicht und eine nachteilige Veränderung vermieden wird.

„Ökologisch intakte Flusslandschaften sind äußerst wertvolle Lebensräume für Tiere und Pflanzen, haben einen hohen Erholungswert, binden Treibhausgase und bieten einen natürlichen Hochwasserschutz“, so Joachim Schröder, NaturFreunde-Koordinator der Flusslandschaften der Jahre. „Doch unsere Gewässer sind noch nicht intakt. 93 Prozent der Fließgewässer in Deutschland verfehlen weiterhin den von der EU-Wasserrahmenrichtlinie geforderten ‚guten ökologischen Zustand‘“, kritisiert der NaturFreund. „Die Bundesregierung hat hier noch viel zu tun.“

Im Rahmen der Flusslandschaft des Jahres 2018/19 haben sich viele Akteure und Nutzergruppen gefunden, die als Kooperationspartner die Lippe als Flusslandschaft des Jahres öffentlichkeitswirksam präsentieren und mit verschiedenen Aktionen unterschiedliche Zielgruppen erreichen möchten. Kooperationspartner aus der Tourismusbranche, Vereine, Umweltbildungs-, Natur- und Umweltschutzeinrichtungen planen vielfältige Aktionen wie zum Beispiel den Besuch einer Fischtreppe und andere Exkursionen, Bootstouren, Seminare und Vorträge.

Über die „Flusslandschaft des Jahres“
Die im Zweijahresrhythmus ausgezeichnete „Flusslandschaft des Jahres“ geht auf eine Vereinbarung zwischen Angelfischern und NaturFreunden zurück. Der Titel soll auf die ökologische, ökonomische und soziokulturelle Bedeutung der Flüsse und der sie umgebenden Landschaft aufmerksam machen. Ausgezeichnet werden jeweils Flüsse, die entweder besonders gefährdet sind oder an denen hervorragende Renaturierungsmaßnahmen stattfinden. Um die komplexen ökologischen Zusammenhänge des jeweiligen Fließgewässers mit seiner Umwelt zu erfassen, wird explizit eine Flusslandschaft gewürdigt und nicht allein der Fluss.

Die „Flusslandschaft des Jahres“ wird durch das Bundesumweltministerium in die Liste der „Natur des Jahres“ aufgenommen. Diese soll auf bedrohte Natur aufmerksam machen und angestrebte Gegenmaßnahmen veranschaulichen, welche stellvertretend auf bestimmt Missstände verweisen.

Vorgängerinnen der Lippe waren Trave (16/17), Argen (14/15), Helme (12/13), Emscher (10/11), Nette (08/09), Schwarza (06/07), Havel (04/05), Ilz (02/03) und Gottleuba (00/01).