„Der Kapitalismus verbraucht zu viel und zerstört die Umwelt“

Der „kritische Kommunist“ Theodor Bergmann über NaturFreunde im Widerstand und die Zerstörungskraft des Kapitalismus

Theodor Bergmann, Professor der Agrarwissenschaften, Autor und NaturFreund
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Theodor Bergmann, geboren 1916, war Professor für international vergleichende Agrarpolitik und ist Mitglied der NaturFreunde Stuttgart. Bergmann hat zahlreiche Bücher zur Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung verfasst und herausgegeben. Die Fragen stellte Hans-Gerd Marian, Bundesgeschäftsführer der NaturFreunde Deutschlands und Historiker.

NATURFREUNDiN Herr Bergmann, Sie bezeichnen sich selbst als „kritischen Kommunisten“. Gibt es auch Unkritische?

Theodor Bergmann Leider ja. Ein großer Teil der Parteiangestellten kommunistischer Parteien ist immer unkritischer geworden. Ein kritischer Kommunist ist ein Kommunist, der überzeugt ist, dass wir eine bessere Welt brauchen – ohne Kapitalismus, ohne Krieg und ohne Faschismus. Aber der Begriff bedeutet nicht, dass ich irgendein Modell von Stalin oder Mao verfolge – und mich dem Parteiapparat anpasse.

NFiN „Wir schützen die Sowjetunion“ heißt ein Lied aus den 1920er Jahren. Wurde der KPD diese unbedingte Treue zur Sowjetunion nicht zum Verhängnis in der Weimarer Republik?

"Wie kann es sein, dass das Gleiche in Russland und in China passierte: dass einer sich an die Spitze stellt und keine Kritik mehr zulässt."

TB Es war nicht die Treue zur Sowjetunion, es war ursprünglich das Vertrauen zu Stalin. Als dann die Massenmorde von Stalin bekannt wurden, mussten wir uns entscheiden zwischen Sozialismus und Stalin. Wie kann es sein, dass ein solcher Mensch alleine an der Spitze stand? Das sind die Strukturprobleme der kommunistischen Bewegung. Und ich frage mich natürlich, wie kann es sein, dass das Gleiche in Russland und in China passierte: dass einer sich an die Spitze stellt und keine Kritik mehr zulässt.

NFiN Sie waren in Ihrer Jugend in der KPD-Opposition. Dort gab es auch viele NaturFreunde, Fritz Rück oder Fritz Lamm zum Beispiel, Wolfgang Abendroth und Willi Buckpesch. Haben sich Ihre Wege gekreuzt?

TB Mit Fritz Lamm stand ich in engem Kontakt. Er war ein hervorragender Lehrer, konnte junge Menschen begeistern. Fritz Rück hatte ich schon in Schweden getroffen. Wir haben manchmal Witze über die SPD gemacht. Er war ja nachher in der SPD, weil er sonst die Stelle in Stuttgart nicht bekommen hätte, bei Druck und Papier. Das war damals ein organisatorischer Terror der SPD: Wo wir die Macht haben, lassen wir keinen ran, der nicht in der SPD ist. Aber Fritz Rück war kein Sozialdemokrat, der war Revolutionär.

NFiN In Ihrem Buch „Gegen den Strom“ beschreiben Sie die Geschichte etlicher Widerstandskämpfer der KPD-Opposition. Etwa jeder Vierte war auch NaturFreund. Haben Sie eine Erklärung für den hohen NaturFreunde-Anteil?

TB Nein. Es gab Gebiete, in denen die Natur- Freunde sehr politisch waren. Und es hat andere Gebiete gegeben, wo sich NaturFreunde mehr mit der Natur und dem Wandern und der Gesundheit der jungen Arbeiter beschäftigt haben. In Württemberg und Hessen haben kluge kritische Kommunisten eine gewisse Rolle bei den NaturFreunden gespielt, Willi Buckpesch zum Beispiel. Mein Freund Georg Stetter hat Bildungsarbeit gemacht. Und ich glaube, Ludwig Becker war auch bei den NaturFreunden.

NFiN Nach dem Krieg sind Sie nicht in Ihre Heimatstadt Berlin zurückgekehrt, sondern nach Westdeutschland gegangen. Warum?

TB Meine Genossen hatten mich gewarnt: „Es wird schwieriger für einen kritischen Kommunisten in der sowjetischen Besatzungszone als in Westdeutschland.“ Als ich Anfang 1946 nach Deutschland zurückkam, habe ich mir ein Bild gemacht und schnell gemerkt, dass ich als kritischer Kommunist keine Chance haben würde, mich politisch in der DDR zu betätigen.

NFiN In Westdeutschland wurde die KPD verboten. Dann kam Willy Brandt mit „Wir wollen mehr Demokratie wagen“. Gab es damals wirklich eine grundlegende politische Änderung mit dem Regierungsantritt der SPD?

TB Ich war von Anfang an gegen die SPD-Politik. Kurt Schuhmacher war ein wütender Antikom- munist. Das war er schon im KZ Dachau gewesen, gegen meine Freunde, die mit ihm dort einsaßen. Er war beinahe ein deutscher Nationalist, ein wütender Gegner der Sowjetunion. Willi Brandt habe ich gekannt, der war kein Revolutionär mehr. Das war er vielleicht mal als junger Bursche im Spanischen Bürgerkrieg. Was er nachher gemacht hat, etwa das Berufsverbot für junge Rote, das war eine einzige Schande.

NFiN Sie haben jungen Kommunisten geholfen.

TB Natürlich. Obwohl ich immer gesagt habe, wenn ihr an die Macht kommen würdet, würdet ihr mich nach Sibirien schicken. Nur: Mit eurer Politik kommt ihr nie an die Macht, ihr müsst es anders machen. Ich habe sie kritisiert. Aber ich habe sie auch als wissenschaftliche Hilfskräfte beschäftigt.

NFiN Was wären Ihrer Meinung nach heute die wichtigsten Aufgaben für junge Menschen?

"Das ist die erste Aufgabe: Für eine Verbesserung der Rechte der Arbeiter kämpfen. Die zweite Aufgabe ist der Kampf gegen den Krieg. Das ist wirklich wichtig."

TB Die entscheidende Frage ist für uns in Deutschland: Warum verschlechtert sich das Leben für viele Menschen immer weiter? Wie bekämpft der Kapitalismus das, was ganze Arbeitergenerationen erkämpft haben? Er baut es ja ab! Seit der Agenda 2010: Abbau der Sozialversicherung, Abbau der Arbeitsrechte, Prekariat in großem Ausmaß, kaum noch Lohnerhöhung, aber immer mehr Arbeit und Stress. Wo bleiben unsere Rechte? Das ist die erste Aufgabe: Für eine Verbesserung der Rechte der Arbeiter kämpfen.

Die zweite Aufgabe ist der Kampf gegen den Krieg. Unsere Regierungen bereiten den Krieg vor. Frau von der Leyen, die neue Kriegsministerin, fordert Kindergärten für freiwillige Soldaten und entwickelt Drohnen mit den Franzosen. Wir haben Milliarden für diesen Wandel, aber wir haben kein Geld für Hartz-IV-Empfänger. Ist es nicht merkwürdig, wie sich die Schwerpunkte immer wieder verschieben? Dagegen müssen sich junge Menschen engagieren, das ist wirklich wichtig, auch wenn sich junge Menschen den Krieg nicht wirklich vorstellen können.

NFiN Und der Kampf gegen den Klimawandel?

TB Das ist nicht mein Thema. Wie das mit dem Klimawandel sein wird in der Zukunft, das weiß ich nicht. Ich bin natürlich dafür, dass wir sparsam mit der Natur umgehen. Aber in erster Linie müssen die Menschen satt werden. Das kann man erreichen, ohne absichtlich die Natur zu zerstören. Aber der Kapitalismus zerstört immer, weil er Profit machen will. Darum geht es. Ich habe das Ziel einer anderen Welt, aber der Klimawandel ist dabei nicht mein erster Punkt, sondern: Warum verdienen die einen Millionen und die anderen 359 Euro? Das ist meine erste Frage.

NFiN Die Gerechtigkeitsfrage stellt sich aber auch international. Die entwickelten kapitalistischen Länder verbrauchen ungleich mehr als andere.

TB Wir haben drei Formen der gesellschaftlichen Polarisierung: in Deutschland, in Europa – etwa in Griechenland, das ausgeplündert wird von Kapitalisten – und entwickelte Länder gegen Entwicklungsländer weltweit. Aber ich muss doch die Frage des gerechten Verbrauches in erster Linie klassenmäßig stellen. Es verbrauchen überhaupt nicht alle zu viel. Der Kapitalismus verbraucht zu viel und zerstört dabei die Umwelt, egal wo er ist. Doch auch in Deutschland haben viele schlechtes Essen. Niemand möchte, dass deutsche Arbeiter auf den Einkommensstatus von Kalkutta kommen. Die Menschen dort sollen auf unseren Status kommen. Die Frage der Gerechtigkeit ist und bleibt eine Klassenfrage.

NFiN Der Kapitalismus hat sich bisher noch immer als reformfähig gezeigt.

TB Ich habe noch nicht erlebt, dass er sich als reformfähig erweist. Der deutsche Kapitalismus hat zwei Kriege verloren und er bereitet einen dritten vor. Wo ist die Reformfähigkeit? Das Wort Reform ist heute doch verlogen. Ex-Kanzler Schröder nannte den Abbau der Sozialversicherung Reform. Dabei hatten wir für unsere Arbeiterrechte hart gekämpft. Das Wort Reform wird heute benutzt zum Abbau der Reform.

NFiN Dann lautet die Alternative weiterhin „Sozialismus oder Barbarei“?

TB Ja. Bei der Dominanz des Antikommunismus habe ich es aber schwer, mir das Endziel vorzustellen. Dennoch gibt es eines. Man muss natürlich anfangen mit den Bedürfnissen des Menschen heute. Und die Bedürfnisse der Menschen heute sind: kein Krieg, satt essen, anständige Arbeitsbedingungen und Arbeitszeitverkürzung. Warum haben wir keine Arbeitszeitverkürzung? Stattdessen Reformen und Tausende entlassene Arbeiter.

NFiN Sie gelten als großer Optimist. Was kommt nach Bundeskanzlerin Angela Merkel?

TB Ich habe schon so viele Endsiege des deutschen Kapitalismus erlebt und überlebt. Ich denke, die Welt wird weitergehen. 1993 hieß es, die Weltgeschichte gehe jetzt zu Ende. Weil der Kapitalismus endgültig gesiegt habe. Lächerlich. Hitler sagte 1933: „Wir werden 1.000 Jahre regieren.“ Und dann kam es doch nicht so.

Die linken Kräfte müssen sich endlich einigen und sich dann konzentrieren auf die wichtigen politischen Aufgaben. Denn sonst wird der deutsche Kapitalist vielleicht noch einmal siegen und vielleicht sogar noch einmal Europa zerstören.

Dieses Interview ist zuerst erschienen in NATURFREUNDiN 3-2015.