Von Kleiderspenden bis zum Klettern mit Geflüchteten

Wie sich NaturFreunde und Naturfreundehäuser in der Flüchtlingskrise engagieren

Pflanzaktion der Naturfreundejugend NRW mit Flüchtlingskindern
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Als Anfang September am Dortmunder Hauptbahnhof Züge mit zuvor in Ungarn gestrandeten Geflüchteten einfuhren, hatten die rund zehn Mitglieder der Naturfreundejugend Nordrhein-Westfalen bereits eine lange Nacht hinter sich: Freunde mobilisieren, Wasser und Drogerieartikel einkaufen, mit weiteren Spenden in Tüten verpacken, Willkommensplakate malen und schließlich auf die Geflüchteten warten.

„Wir waren total überwältigt von dieser gigantischen Hilfsbereitschaft“, erzählte Jan Tacke, Bildungsreferent in Elternzeit der Naturfreundejugend NRW. „So viele verschiedene Menschen haben ganz spontan mitgeholfen und als wir am Eingang eines Drogeriemarktes Reisende um kleine Spenden fragten, war ein ganzer Einkaufswagen ruck, zuck voll mit Zahnbürsten, Babynahrung und Rasierzeug.“

Dabei hatten die jungen NaturFreunde auch noch eine Ladung Pfefferspray abbekommen, als sie sich einem Naziaufzug entgegenstellen, den die Polizei ausgerechnet durch den Bahnhof leiten wollte. „Das hat uns aber nicht davon abgehalten, weiterzumachen“, berichtete Jan. „Diese unglaubliche Solidarität der Dortmunder mit den Geflüchteten war wirklich beeindruckend.“

Viele NaturFreunde engagieren sich in der Flüchtlingshilfe
In ganz Deutschland engagieren sich immer mehr Menschen für die immer mehr Geflüchtete – manche sprechen gar von einer neuen Völkerwanderung – und oft sind NaturFreunde ganz vorne dabei. In Erfurt genügte eine Rundmail – und schon halfen zahlreiche naturfreundliche Hände beim Sortieren der Sachspendenberge, die aktuell für bis zu 3.000 Geflüchtete in Erfurt gesammelt werden. Unter dem schönen Motto „Willkommen in der Windthorststraße“ waren auch viele Erfurter NaturFreunde ganz privat beim nachbarschaftlichen Picknick mit den neuen Nachbarn aus der Gemeinschaftsunterkunft. Und ein NaturFreunde-Laufteam heftete sich beim Erfurter Nachtlauf den Slogan „Kein Mensch ist illegal – NaturFreunde“ auf die Rückseite der Laufshirts.

Junge NaturFreunde aus Bochum halfen kürzlich beim Aufbau von mehreren Hundert Betten für Notunterkünfte. Die Naturfreundejugend Bremen veranstaltet seit Mitte Juni in ihrem Jugendzentrum „Buchte“ immer mittwochs ein offenes Jugendcafé für jugendliche Geflüchtete und Bremer Jugendliche. Es wird gemeinsam gekickert und geredet, auch ein Malkurs hat schon stattgefunden. Bei Bedarf gibt es Hausaufgabenhilfe sowie Beratungen. 15 ehrenamtliche Helfer wechseln sich bei der Betreuung der Jugendlichen ab. Auch die NaturFreunde Würzburg organisieren Treffen für und mit Geflüchteten, veranstalten Infoabende für Bürger und laden zu Vorträgen zum Thema Asylrecht ein.

NaturFreunde-Ausstellung „Asyl ist Menschenrecht“
Die hessische Ortsgruppe Groß-Gerau hatte zu einem großen gemeinsamen Kaffeetrinken mit Ballspielen, Slackline, Tauziehen und Kanutouren an ihrem Naturfreundehaus am Altrhein (H 28) eingeladen. Aus den anwesenden rund 80 Geflüchteten wurden an diesem Nachmittag zwar nicht automatisch „Freunde“, doch alle Beteiligten merkten sehr schnell, wie wenig oft reicht, um sich gemeinsam über Sprachgrenzen zu verständigen. Auch die NaturFreunde Obertshausen engagieren sich in der Flüchtlingsarbeit und organisieren Kleiderbasare, Deutschunterricht oder Behördenbesuche, zudem ein Fußballturnier und vom 21.9.–1.10. eine Ausstellung im Rathaus zum Thema „Asyl ist Menschenrecht“.

Die Bayreuther NaturFreunde haben ein Kletterprojekt für junge Geflüchtete organisiert. Traumatisierungen durch Erlebnisse während der Flucht sollen durch vertrauensbildende Maßnahmen beim Klettern positiv beeinflusst werden. Außer Sofia aus Syrien und Adil aus Pakistan waren 34 weitere Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea, Äthiopien, Kamerun, Afghanistan, Somalia, Pakistan, Irak, Benin und Gambia bei der Auftaktveranstaltung im Oktober dabei, die meisten im Jugendalter, viele noch Kinder. Die Kletterer wurden von 20 Helfern und Trainern der NaturFreunde Bayreuth betreut. „Am Ende gab es müde Arme und viele glückliche Gesichter. Uns war sofort klar, dass wir das wieder machen“, sagte Franziska Rehorz von den Bayreuther NaturFreunden. Klettern und weitere Outdoor-Aktivitäten stehen auch im Mittelpunkt eines NaturFreunde-Projektes in Wien, bei dem minderjährige Flüchtlinge an Freizeitaktivitäten in der Natur herangeführt werden sollen. Das Blog www.nfreachout.wordpress.com dokumentiert die Erfahrungen. In eine ähnliche Richtung geht ein NaturFreunde-Projekt in Tirol.

Die Harfinistin Vroni Hein von den Würmtaler NaturFreunden gab am 25. Oktober 2015 ein Benefizkonzert für den Helferkreis für Asylbewerber im Landkreis München. Die frisch gegründete Kindergruppe der NaturFreunde Bochum-Langendreer hat schon eine Spendensammelaktion für Geflüchtete geplant. Die NaturFreunde Sulzbach laden Flüchtlingsfamilien zu ihrer Nikolausfeier ein.

Immer mehr Naturfreundehäuser beherbergen Geflüchtete

Frankfurter NaturFreunde hatten bereits Ende letzten Jahres junge Eritreer kontaktiert, die gegenüber ihrem Naturfreundehaus in Niederrad (H 19) einquartiert worden waren. Daraus hat sich eine Partnerschaft mit gegenseitigen Besuchen, Ausflügen und Behördenhilfen entwickelt. Das Naturfreundehaus Bamberg (N 12) beherbergt bis mindestens Frühjahr 2017 asylsuchende Familien. Die saarländischen NaturFreunde nehmen in Zusammenarbeit mit der AWO zehn unbegleitete minderjährige Geflüchtete im Naturfreundehaus Kirkel (I 1) auf, wo diese nicht nur ein Dach über dem Kopf bekommen, sondern auch qualifiziert betreut werden. Im Berliner Naturfreundehaus Hermsdorfer Fließtal (B 2) sind knapp 30 jugendliche Geflüchtete einquartiert, die ohne Eltern oder andere Angehörige in Deutschland angekommen sind. Der Kletterkreis der NaturFreunde Berlin überlegt gerade, wie Kletterangebote für die Jugendlichen organisiert werden können. Auch die NaturFreunde Völklingen gehen mit jugendlichen Geflüchteten aus Eritrea klettern. Zudem veranstalteten sie einen Kulturabend, bei dem die Eritreer über die politische Situation in ihrer Heimat und ihre Flucht erzählten. Der Abend klang beim Grillen mit eritreeischem Fladenbrot aus.

Das Naturfreundehaus Moers (F 1) hat vorerst bis Ende des Jahres alle seine 29 Betten für Geflüchtetenfamilien zur Verfügung gestellt. Der Verein „Freifunk“ hat dafür gesorgt, dass die Familien Zugang zum Internet haben, damit sie mit ihren Angehörigen zu Hause oder in anderen Ländern Kontakt halten können. Auf Sorgen von Anwohnern ging der Vorsitzende Harald Hüskens vorab in einer speziellen Anwohnerversammlung ein. Auch will die Ortsgruppe alle zwei Wochen eine Anwohnersprechstunde organisieren und eine Hotline für dringende Fragen einrichten. Und im Schwarzwälder Naturfreundehaus Breitnau (L 39) wohnt übergangsweise ein älteres Flüchtlingsehepaar, bis die eigentlich für sie geplante Wohnung frei wird. Im Naturfreundehaus Boßlerhaus (M 41) am Rande der Schwäbischen Alb betreuten in den Sommermonaten bereits zum dritten Mal junge Flüchtlinge aus Syrien eine Woche lang Wanderer und Hausgäste. NaturFreundin Marion Diehl hatte ihren syrischen Freund Ghiath um Hilfe gebeten, als der Hausdienst absagen musste. Profitiert haben die NaturFreunde und die Geflüchteten. „So etwas wie auf dem Boßlerhaus ist für uns Flüchtlinge sehr wichtig. Etwas zu tun zu haben, tut uns gut. Mit Deutschen in Kontakt zu kommen, ist für uns wichtig und gar nicht einfach. Solche Aktivitäten tragen dazu bei, dass wir hier ankommen und uns integrieren können“, berichtet Ghiath.

Seit Anfang Juni werden im Naturfreundehaus Auf dem Hagen (E 1) in Göttingen unbegleitete junge Geflüchtete verpflegt. Die 12–17-Jährigen erhalten dort Mittagessen und Abendbrot und kommen auch sonst ganz gerne vorbei, denn das Naturfreundehaus hat eine sogenannte "Freifunk"-Station, bietet also vereinfacht gesagt ein offenes WLAN an. "Erst waren es 15-20 Jugendliche aus Eritrea, Afghanistan und Somalia, dann plötzlich 40 und jetzt sind wir wieder bei 20", erzählt Regina Nebel vom Naturfreundehaus Auf dem Hagen. "Ursprünglich sollten wir einen Monat verpflegen, jetzt sind wir schon im sechsten. Das ist viel Arbeit für alle Helfer, wir halten das Naturfreundhaus ja auch für unser normales Programm geöffnet. Und manchmal ist es absoluter Wahnsinn. Aber wir würden es immer wieder machen", sagt Regina. Auch einen Deutschkurs können die geflüchteten Kinder und Jugendlichen im Naturfreundehaus belegen. Jetzt planen die Göttinger NaturFreunde vierzehntägige Treffen von deutschen und geflüchteten Frauen zum Handarbeiten und Basteln.

Naturfreundehäuser als Orte der Begegnung zwischen Geflüchteten und Einheimischen
Bekanntlich suchen viele Kommunen zurzeit händeringend nach geeigneten Unterkünften. Gerade die Selbstversorgerküchen und grünen Außenanlagen unserer Naturfreundehäuser eignen sich sehr gut insbesondere für geflohene Familien. Wir können als NaturFreunde vor Ort dazu beitragen, dass Geflüchtete würdig aufgenommen werden und ihnen nicht nur staatliche Hilfe zu Teil wird, sondern auch menschliche Zuwendung. Viele werden bleiben. Reichen wir ihnen gleich zu Beginn eine Hand, damit gemeinsam etwas Neues entstehen kann! Das Naturfreundehaus als Ort der Begegnung zwischen Geflüchteten und Einheimischen kann ein Beitrag sein. Auch die Organisation von Infoveranstaltungen oder die Öffnung des Hauses für Helferkreise kann eine wichtige Hilfe bedeuten.

Bitte denkt darüber nach, ob und wie ihr helfen könnt. Und wenn ihr das bereits tut, dann informiert bitte die Redaktion der NATURFREUNDiN über eure Aktivitäten, damit unser Mitgliedermagazin vielleicht schon in der Dezemberausgabe über gute Beispiele berichten und so auch anderen NaturFreunden und Gästen in Naturfreundehäusern Mut für eigene Aktivitäten machen kann.

Kontakt
NATURFREUNDiN-Redaktionsbüro
(030) 29 77 32 -65
redaktion@naturfreunde.de

Denn die Frage bleibt, wie lange die neue deutsche Willkommenskultur durchhalten wird? Sicher ist: Es werden mehr Geflüchtete kommen. Jan Tacke von der Naturfreundejugend NRW empfiehlt deshalb auch, an längerfristige Unterstützung zu denken.

Geflüchtete möchten einfach nur mit ihrem Leben weitermachen

Junge NaturFreunde in Bochum-Langendreer zum Beispiel haben letzte Woche in einer "Urban Gardening"-Aktion mit Kindern aus einem Heim für Geflüchtete unter anderem Johannisbeerbüsche gepflanzt (Foto oben). "Die Kinder sind so froh, wenn sie aus dieser ewigen Warterei in den Flüchtlingsheimen mal rauskommen", sagt Jan."So haben wir gemeinsam nicht nur ihre Straße hübscher gemacht. Im nächsten Jahr können sie auch ihre eigenen Früchte ernten. Das hat allen Spaß gemacht und aus anonymen Geflüchteten werden plötzlich Kinder mit einem Namen und einer eigenen Geschichte."

Die Naturfreundejugend Deutschlands hat auf ihrer Bundeskonferenz im April beschlossen, ihre Arbeit stärker an den Bedürfnissen von geflüchteten Kindern und ihren Familien zu orientieren. Dazu werden Ehrenamtliche geschult, spezielle Materialien entwickelt und Kooperationen mit anderen Organisationen gesucht. Auch ihre aktuelle Jugendzeitung [ke:onda] ist dem Thema Flucht und Vertreibung gewidmet. Dort finden Jugendliche sehr gut aufbereitete Informationen über Fluchtwege und -ursachen und auch ein Interview mit zwei syrischen Brüdern, Titel: "Wir möchten einfach nur mit unserem Leben weitermachen".

Zudem bietet die Naturfreundejugend Deutschlands Ende Januar (29.–31.1.2016) im Naturfreundehaus Hannover (E 8) ein Seminar zum Thema "Flucht, Geflüchtete und Diversität" an. Die Teilnehmer*innen sollen nach dem Seminar in der Lage sein, Angebote wie Freizeiten oder Workshops im Verband zu organisieren, die für geflüchtete junge Menschen in gleicher Weise zugänglich sind, wie für Kinder/Jugendliche ohne Fluchthintergrund. Gleichzeitig soll Wissen über die derzeitige EU-Flüchtlingspolitik vermittelt und Optionen aufgezeigt werden, wo und wie geflüchtete Menschen auch politisch unterstützt werden können.

Handbücher mit wertvollen Tipps für die Arbeit mit Geflüchteten

Sehr gute Hilfen für die ehrenamtliche Geflüchtletenhilfe bietet ein 140-seitiges Handbuch des Landes Baden-Württemberg, das zum Beispiel erläutert, wie sich Flüchtlingshelfer am besten selbst organisieren können und wie eine optimale Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamt gelingen kann. Auch werden gute Vorschläge zur Integration von Geflüchteten in Vereine gemacht. Ebenfalls sehr gute Tipps enthält ein 48-seitiger Leitfaden von Pro Asyl, der gleich im Vorwort die Angst vor der scheinbar nicht zu schaffenden Herausforderung nehmen möchte: „Nicht jeder muss alles tun, was hier drin steht. Aber jeder, der tut, was er kann, ist ein Gewinn – für die Geflüchteten und die Gesellschaft.“ Bitte beratet auch in eurer Ortsgruppe, ob und wie ihr helfen könnt.

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Naturfreundehaus Breitnau
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79874 Breitnau
Übernachtungsplätze vorhanden
vollbewirtschaftet
Naturfreundehaus Auf dem Hagen
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37079 Göttingen
keine Übernachtungsmöglichkeiten
Verpflegung nach Absprache
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73344 Gruibingen
Übernachtungsplätze vorhanden
Verpflegung nach Absprache
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13467 Berlin
Übernachtungsplätze vorhanden
Selbstversorgerhaus
Naturfreundehaus Völklingen
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66333 Völklingen
Übernachtungsplätze vorhanden
Selbstversorgerhaus
Naturfreundehaus Bamberg Hausbild
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96110 Scheßlitz-Demmelsdorf
Übernachtungsplätze vorhanden
vollbewirtschaftet
Naturfreundehaus Bootshaus Am Altrhein
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64560 Riedstadt
Übernachtungsplätze vorhanden
teilbewirtschaftet (mit Getränken)
Naturfreundehaus Frankfurt-Niederrad
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60528 Frankfurt
keine Übernachtungsmöglichkeiten
teilbewirtschaftet (mit Getränken)
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66459 Kirkel
Übernachtungsplätze vorhanden
vollbewirtschaftet
Naturfreundehaus Moers
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47441 Moers
keine Übernachtungsmöglichkeiten