Unser täglich Müll

Umweltverschmutzung, Ressourcenverbrauch und dann auch noch die eigene Vergiftung – wie wir uns das nächste Problem schaffen

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Was eigentlich ist Müll? „Kehricht“, sagt Meyers Lexikon aus dem Jahr 1928. „Häusliche Abfallstoffe (Haus-, Küchenmüll) und Unrat der Straße (Straßenmüll)“.

90 Jahre später ist die Sache deutlich komplizierter. Erstens, weil es kein aktuelles Meyers Lexikon mehr gibt. Zweitens, weil der Müll heute nicht mehr im Abfalleimer landet, sondern in der „Wertstofftonne“. Das Online-Lexikon Wikipedia listet 40 verschiedene Abfallsorten auf, darunter „Nahrungs- und Küchenabfälle“, „Bauschutt“, „radioaktiver Abfall“, „Schlachtabfall“ oder „Elektronikschrott“. Für ihre Beseitigung gibt es gleich einen ganzen Gesetzeskanon.

Was also genau ist eigentlich Müll? Der Gesetzgeber sagt, „alle Stoffe oder Gegenstände, derer sich ihr Besitzer entledigt, entledigen will oder entledigen muss“. Zu finden ist diese Passage im 3. Paragrafen des Kreislaufwirtschaftsgesetzes. Müll ist heutzutage nämlich per Gesetz ein potenzieller „Rohstoff“. Was eine weitere Spezifizierung notwendig macht: in „Abfall zur Beseitigung“ und „Abfall zur Verwertung“.

Lies mehr über das Thema in der
NATURFREUNDiN 4-2018: "Unser täglich Müll".

Unter „Abfälle zur Verwertung“ versteht der Gesetzgeber „Reststoffe und Wirtschaftsgüter“. Ein feiner Trick des modernen Kapitalismus, um sich des Wurmfortsatzes der Konsumgesellschaft zu entledigen: Überflüssiges, Überdrüssiges, Neues, Defektes und vor allem Verpacktes werden zum Ausgangsstoff eines neuen Produktionszyklus deklariert. Auf die Reste der Verwertungsgesellschaft hat sich längst ein ganzer Wirtschaftszweig spezialisiert. Die Mitgliedstaaten der EU exportierten beispielsweise 87 Prozent ihres gesamten Plastikmülls nach China. Damit die Chinesen aus dem europäischen Müll neuen Verpackungsmüll produzieren.

Man muss an dieser Stelle doppelt korrekt sein: Gemeint ist Makroplastik (zu Mikroplastik kommen wir noch), also Einwegflaschen, Joghurtbecher oder Folien aus Polyethylen. Und „exportierten“ bedeutet: China hat Anfang des Jahres 2018 den Müllimport gestoppt. Mutmaßlich produzieren die fast 1,4 Milliarden Chines*innen jetzt genug eigenen Plastikmüll, so dass das Land auf Importe aus Europa nicht mehr angewiesen ist. Seitdem suchen die EU-Staaten händeringend eine Lösung.

5.000 Kilogramm Müll pro Kopf und Jahr

In Meyers Lexikon von 1928 heißt es in Spalte 817: „Eine Sonderung des Mülls in seine Bestandteile wird schon in den Haushaltungen dadurch erreicht, dass man […] für jedes Haus für die getrennte Aufnahme von Speiseresten, verbrennlichen und unverbrennlichen Stoffen sorgt (Dreiteilungs-, Separationssystem).“ Mülltrennung hat also eine lange Tradition in Deutschland. Die nach fast einhundert Jahren in die schwarze, grüne, gelbe, blaue oder orangene Tonne mündet.

Neu hingegen ist der Umgang mit dem Zivilisationsabfall: Die Abfallrahmenrichtlinie 2008/98/EG besagt, dass „die schädlichen Auswirkungen der Erzeugung und Bewirtschaftung von Abfällen vermieden oder verringert“ werden sollen. Nun wird nicht mehr vom Müll, sondern von der „Abfallbewirtschaftung“ gesprochen. Unbehandelten Abfall sollte es nicht mehr geben (selbst wenn die letzte „Behandlung“ durch eine Müllverbrennungsanlage erfolgt). Zudem solle „die Effizienz der Ressourcennutzung verbessert werden“.

Und? Irgendwelche Erfolge? Nein. Im Jahr 2015 ist die Müllflut in der Bundesrepublik auf insgesamt 411,5 Millionen Tonnen gestiegen. Nach Erhebungen des Statistischen Bundesamtes waren das fast zehn Millionen Tonnen Müll mehr als im Vorjahr, ein Plus von 2,3 Prozent. Statistisch sind das 5.000 Kilogramm Müll pro Kopf und Jahr. So viel, wie ein ausgewachsener Elefant wiegt – jedes Jahr.

Zehn Jahre zuvor bilanzierte das Umweltbundesamt noch 331,9 Millionen Tonnen Müll in unserem Land. Binnen zehn Jahren produzierte jede*r Deutsche*r also 20 Prozent mehr Abfall – statistisch betrachtet; denn in diese Berechnung gehen auch geschredderte Autobahnen, Aschen aus den Kraftwerken, benutzte Krankenhausspritzen oder Industriemüll mit ein. Bilanziert man „nur“ den im Haushalt anfallenden Müll pro Kopf, so stehen 626 Kilogramm pro Deutscher*em jährlich zu Buche – ein Spitzenwert, nämlich 136 Kilogramm mehr als der europäische Durchschnitt. Und die Müllfracht steigt von Jahr zu Jahr.

Warum Recycling das Problem nicht löst

Vom „Coffee to go“ über vorverpacktes Obst, eingeschweißten Käse oder Plastikteller: Deutschland hat ein Müllproblem. Jährlich gehen hierzulande immer mehr Einwegflaschen über die Ladentheke, zuletzt waren es 17 Milliarden. Die Kunststoffflut steigt und steigt: Im Jahr 2015 verursachten viele Deutsche mehr Plastikmüll, als sie selbst wiegen – 72,5 Kilogramm. Ein neues Radio zu kaufen ist oft billiger, als das kaputte zu reparieren. Statistisch gesehen kauft jede*r Deutsche durchschnittlich 60 neue Kleidungsstücke pro Jahr – und schmeißt so viele dann auch weg. Wir verbrauchen Ressourcen wie ein Strudel.

Nun könnten Sie meinen: „Kein Problem. Ich trenne meinen Müll immer ganz vorbildlich.“ Das mag ja sein. Aber erstens ist die Energie, die für die Herstellung des Joghurtbechers, des weggeworfenen Regals oder der Jeans benötigt wurde, für immer verloren. Genauso wie das dafür benötigte Wasser oder die Rohstoffe: Unser Müllkonsum heizt das Klima an, sorgt weltweit für Durst – besonders in den Anbaugebieten von Baumwolle – und führt zu massiven Verteilungskonflikten.

Zweitens liegt die tatsächliche Recyclingquote nach Berechnungen der Deutschen Gesellschaft für Abfallwirtschaft nur zwischen 38 und 40 Prozent: Der Rest wird verfeuert –, was Schadstoffe frei setzt – oder als „Wertstoff“ in die Welt exportiert. Damit beispielsweise in Accra, der Hauptstadt Ghanas, Kinder und Jugendliche ausgediente Computer oder Fernseher aus Europa verbrennen, um an verwertbares Edelmetall zu kommen. Viel Geld verdienen sie damit nicht, im Gegenteil: Sie zahlen mit ihrer Gesundheit.

Drittens kann kein noch so guter Recyclingprozess 100 Prozent des Rohstoffs gewinnen, nicht einmal bei Gold. Auch wenn man eine – technisch bereits anspruchsvolle – Rückführquote von 75 Prozent zugrunde legt, sind nach 15 Durchläufen 99 Prozent der Ausgangsmasse verschwunden.

Als Lösung des Problems empfahl Meyers Lexikon von 1928 die Abhandlung "Die städtische Verbrennungsanstalt für Abfallstoffe in Hamburg" von F. U. Meyer (2. Auflage 1901). Die Verbrennungsgase aus den Kehrichtöfen würden „zum Heizen von Dampfkesseln benutzt, die Asche für Mörtel, die Schlacke zu Pflasterungsmaterial“. In den 80er-Jahren waren die Müllverbrennungsanlagen das Hassobjekt schlechthin, denn angesichts des gestiegenen Ölpreises kamen die Kommunen massenhaft auf die Idee, aus Müll Energie zu gewinnen. In fast jeder Großstadt protestierten Bürgerinitiativen dagegen.

Aus den Augen, aus dem Sinn: Heute werden die Anlagen toleriert. „Die Müllverbrennung profitiert davon, dass sie niemand kritisiert“, urteilt der Naturschutzbund. Tatsächlich sei ihr in den letzten 15 Jahren ein grundlegender Imagewandel gelungen: „In den Achtzigern und Neunzigern als gesundheitsschädliche Dioxinschleudern berühmt, gelten die Müllöfen heute als energieeffiziente Schadstoffsenken, die Wärme und Strom liefern.“ Dabei seien viele der Müllverbrennungsanlagen veraltet, emittierten zu viele Schadstoffe und nutzten oft zu wenig der im Müll enthaltenen Energie.

Die unsichtbare Gefahr: Mikroplastik

Auch ein anderes Müllproblem entgeht unseren Sinnen: das sogenannte Mikroplastik. Nach Erhebung des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik gelangen in Deutschland pro Jahr 330.000 Tonnen Kunststoffteilchen in die Umwelt, die kleiner sind als fünf Millimeter. Während Makroplastik dem Klima zusetzt, unseren Ressourcenverbrauch anheizt, vergiftet uns das Mikroplastik langsam. „Mikroplastik befindet sich bereits in allen Bereichen der Umwelt“, sagt Leandra Hamann vom Fraunhofer-Institut.

Und damit auch in uns: Weil in den Ozeanen besonders viel Plastik schwimmt, gelten Fische als besonders belastet. In unserem Mineralwasser wurden von der Stiftung Warentest mehr als 100 Teile Mikroplastik je Liter gefunden. Größte Verursacher dieser Kleinstteilchen sind der Abrieb von Autoreifen und Reststoffe aus der Abfallentsorgung. Aber sogar im Trinkwasser aus der Leitung wurde Mikroplastik gefunden, freigesetzt etwa über Klärschlämme, die in der Landwirtschaft auf die Felder gebracht werden.

Nudeln, Honigbrot oder Suppe – mit jeder Mahlzeit nehmen wir einer Studie der Heriot-Watt-Universität in Edinburgh zufolge mehr als 100 Mikroplastikpartikel zu uns. Noch ist die Wissenschaft nicht aussagefähig, was das für unsere Gesundheit bedeutet. So wird bestimmten Kosmetika Mikoplastik bewusst hinzugegeben. Allerdings konnten Forscher nachweisen, dass die winzigen Plastikteilchen bei Meerestieren zu Leber- und Zellschäden führen.

„Jede Sekunde landen etwa 700 Kilogramm Plastikmüll in unseren Ozeanen“, warnt EU-Kommissions-Vizepräsident Frans Timmermans. Gemeint ist damit das Makroplastik. Im Meer verbleiben Einkaufstüten, Plastikflaschen und Einwegbesteck aber viele Hundert Jahre. Sie zersetzen sich nur langsam – und zwar zu Mikroplastik. Und diese Kleinst-Müllteilchen gelangen über den Niederschlag und die maritime Nahrungskette zurück auf unseren Tisch. Das eigentliche Problem unseres täglichen Mülls kommt also erst noch. Aber davon steht leider nichts in Meyers Lexikon.

Nick Reimer