Tipps für das Klettern mit blinden und sehbehinderten Menschen

von Johannes Egerer, NaturFreunde Berlin

Zwei Personen klettern eine Kletterwand hinauf und werden dabei mit Seilen gesichert.
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Die Idee, mit blinden und sehbehinderten Menschen zu klettern, ergab sich, als ich meine hauptberufliche Arbeit beim Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband aufnahm und diese mit meiner ehrenamtlichen Tätigkeit als Trainer bei der OG Klettern der NaturFreunde Berlin verbinden wollte.

Inzwischen haben wir zwei Termine zum „Schnupperklettern“ und einen Top-Rope Kurs durchgeführt. Auch bei unserem regelmäßigen Klettertermin haben wir einen blinden Teilnehmer dabei. Die Termine waren für alle Teilnehmer*innen ein tolles Erlebnis und für mich als Trainer eine völlig neue Erfahrung, die auch meine didaktischen Fähigkeiten erweitert hat.

Tipps von NaturFreunden für NaturFreunde

Im Rahmen der Kampagne "NaturFreunde bewegen" möchten wir den Austausch von Naturfreunden stärken und voneinander lernen. Hast auch du Lust ein Kletternangebot für Menschen mit einer Sehbehinderung ins Leben zu rufen? Dann helfen dir vielleicht diese Tipps der Ortsgruppe Klettern aus Berlin weiter!

Dieser kleine Leitfaden soll Trainer*innen Mut machen, die gern ein Kletterangebot für blinde und sehbehinderte Menschen ins Leben rufen wollen und soll ihnen ein paar Tipps an die Hand geben, auf was zu achten ist.

Eine ganz wichtige Sache vorweg: Macht euch klar, dass Eure Kursteilnehmer*innen die Expert*innen für ihre eigene Behinderung sind und mit dieser zum Teil schon ihr ganzes Leben gut zurechtkommen. Wenn man als Sehender nur selten mit blinden und sehbehinderten Menschen zu tun hatte, kann man sich oft nicht vorstellen, was ohne das Augenlicht möglich ist. Jeder Mensch freut sich, wenn in schwierigen Situationen Hilfe angeboten wird, aber es handelt sich um erwachsene Menschen, Selbstständigkeit ist vielen ein persönliches Grundbedürfnis. Stellt einfach Fragen, Eure Teilnehmer*innen sagen schon, was sie brauchen.

Einige wichtige Punkte zum generellen Umgang mit blinden und sehbehinderten Menschen

Ihr müsst sehr viel mehr mit Eurer Sprache machen! Beschreibt so viele Details wie möglich, über die Umgebung, was Ihr tut und was gerade vor sich geht.
Begriffe wie „dort“, die wir als Sehende meist mit Gesten verbinden sind natürlich für Blinde und Sehbehinderte nicht zu deuten. Hilfreicher sind Aussagen wie „links neben der Tür“ oder „in ca. 10 Metern geradeaus“.

Blinde und Sehbehinderte Menschen sind selbstverständlich mehr Körperkontakt gewohnt als wir Sehende und haben in der Regel nichts dagegen, wenn man zum Beispiel beim Knoten lernen die Hände führt. Trotzdem gilt: nicht unvermittelt anfassen. Fragt vorher nach, ob es in Ordnung ist bzw. kündigt an, was ihr als nächstes tut.
Geht Ihr weg, kündigt dies bitte an, auch wenn Ihr wieder zurück seid, ist ein kurzes Signal hilfreich. Sagt Euren Namen, wenn Ihr zu sprechen beginnt und Ihr Euch noch nicht sehr lange kennt. Ein Erkennen an der Stimme ist sehr viel schwerer als am Gesicht.

Geht Ihr mit einer blinden oder sehbehinderten Person irgendwohin, so könnt Ihr der Person Euren Arm anbieten (nutzt die Person den Langstock, dann am besten Euren rechten Arm), die Person greift dann mit der Hand um Euren Oberarm. Unterhaken geht auch, erfordert aber mehr gegenseitiges Vertrauen. Kündigt Hindernisse, Treppen, Kurven an (mit steigender Erfahrung kann dies reduziert werden).

Blind bedeutet nicht unbedingt, dass überhaupt keine visuelle Wahrnehmung mehr möglich ist und jede Sehbehinderung ist anders. Die Frage „Darf ich fragen, wieviel Du noch sehen kannst?“ wird in der Regel nicht als indiskret empfunden, und ist ja, gerade für den Kurs und für Euch als Trainer*in, eine sehr wichtige Information. Außerdem muss auf die Frage ja nicht geantwortet werden.

Mehr Infos
Einen Ratgeber für den Umgang mit blinden Menschen findet ihr auf der Seite des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands e.V.

Wer sich weiter belesen möchte, findet beim DBSV eine hilfreiche Broschüre zum Download.

Auch könnt Ihr beim regionalen Blinden- und Sehbehindertenverein vorbeischauen. Dort findet sich sicher jemand, die*der Euch hilfreiche Tipps geben und Fragen beantworten kann.

Einige Tipps für ein Schnupperklettern

  • Der Termin sollte nicht in eine stark frequentierte Hallenzeit fallen, damit man genug Platz hat, um sich als Gruppe in der Halle aufzuhalten. Auch ist es dann ruhiger, was die Kommunikation und die Orientierung im Raum für die Teilnehmer*innen erleichtert.
  • Plant ein, dass manche Teilnehmer*innen sehende Begleitpersonen mitbringen, damit steigt die Zahl der Personen und Ihr solltet überlegen, ob diese auch mitklettern sollen, was sich ja anbietet.
  • Teilnehmer*innen haben eventuell auch einen Führhund dabei. Für diese sollte es einen Platz geben, auch mit dem/der Hallenbetreiber*in sollte dies vorab besprochen werden (laut Gesetz darf einem Führhund aber der Zugang nicht verwehrt werden).
  • Bei uns haben sich Sammelumkleiden als zweckmäßig erwiesen, ist dies nicht möglich, sollte pro Umkleide eine Begleitperson bereitstehen.
  • Denkt daran, dass die Teilnehmer*innen nach dem Klettern gegebenenfalls ihren Langstock und Wechselschuhe wiederfinden müssen und an einen „sicheren“ Ort zurückgeführt werden.
  • Bei Tageslicht haben es die meisten Sehbehinderten einfacher. Auch der Heimweg fällt bei Tageslicht sehr viel einfacher. Helle Scheinwerfer in der Halle wirken dabei aber eher als unangenehme Blendung.
  • Eine Abholung an einem Sammelpunkt (zum Beispiel S-Bahnhof oder Bushaltestelle) ist oft sehr hilfreich, bis der Weg zur und in die Halle bekannt ist. Auch nach dem Termin ist es gut eine*n Helfer*in für den Rückweg zu organisieren.
  • Eine Wegbeschreibung in Textform von der Haltestelle zur Kletterhalle ist auch eine gute Hilfe.
  • Normalerweise muss die Hallenordnung unterschrieben werden. Plant die Zeit ein, diese vorzulesen und bei der Unterschrift zu assistieren.
  • Verfasst Eure E-Mail-Kommunikation als „Nur-Text“, damit sie barrierefrei ist.

Jedem*r mit Interesse am Klettern mit blinden Menschen kann ich nur raten, es auszuprobieren. Es ist definitiv eine menschlich und sportlich lohnende Erfahrung.

Johannes Egerer, NaturFreunde Berlin