"Feuerrede“ zur Sommersonnenwendfeier 2016 am Naturfreundehaus Steinknickle

Liebe NaturFreundinnen und NaturFreunde,

beim Stichwort „Sonnenwendfeier“, „Feuerrede“, „Midsommerfest“ ziehen manche misstrauisch die Augenbrauen hoch. Wenn sie nicht an die skandinavischen Gebräuche zum Lichterfest denken oder an die christliche Variante des Johannisfeuers, dann noch eher an den Missbrauch, den die Nationalsozialisten mit vermeintlich germanischen, nordischen Riten betrieben haben.

An unseren Feuern werden in hellen (oder heute leider regnerischen Nächten) keine Bücher verbrannt, sondern Texte gelesen und Lieder gesungen, die in der Tradition der Arbeiterbewegung stehen. Unsere Wurzeln gründen auch nicht in den nationalistischen und völkisch verquasten Richtungen der bündischen Jugend und in der Reformbewegung des vorletzten Jahrhunderts.

Bei ihrer Gründung 1911 als „Brennnessel-Club“ verspottet, entwickelten sich die Heilbronner NaturFreunde zum größten Verein im Arbeiter-, Sport- und Kulturkartell. In der damals noch geringen arbeitsfreien Zeit, mit Anteilscheinen zur Finanzierung und viel Engagement konnte 1913 das Naturfreundehaus Steinknickle gegründet werden. Für den Erweiterungsbau fand 1953 die Hausweihe statt, zu der der Präsident der NaturFreunde Internationale (NFI) Walter Escher aus Zürich angereist war und der Innenminister und NaturFreund Fritz Ulrich eine Festrede hielt. In den folgenden Jahrzehnten habt ihr viele Redner und Rednerinnen zu euren Ver- anstaltungen eingeladen. Zunächst einmal herzlichen Dank, dass ich mich nun in diese lange Liste einreihen darf.

Die württembergischen NaturFreunde haben auf ihrer Landeskonferenz im April zu einer Reihe wichtiger Themen Stellung bezogen:

  1. Wir verlangen die Stilllegung des französischen Atomkraftwerks Fessenheim und erwarten eine zügige Umsetzung der Energiewende mit dem Ausstieg aus der Atomwirtschaft in Deutschland und dem Ende der Braunkohleverstromung. Wir wissen, dass gerade letzteres in den Ländern NRW, Brandenburg und Sachsen mit Ängsten um Arbeitsplätze verbunden ist. Da sind Gewerkschaften, Wissenschaft und Klima-Bewegung gefordert Lösungen zu finden, wie Ökologie, Arbeitsplätze und Fortschritt unter einen Hut zu bringen sind.
  2. Wir verlangen die geplanten Handelsabkommen CETA, TTIP und TiSA zwischen der EU und Nordamerika  zu stoppen. Wir sehen Standards im sozialen Bereich, beim Umwelt- und Verbraucherschutz, bei den Arbeitnehmerrechten gefährdet, demokratische Prinzipien ausgehebelt zu Gunsten einer weiteren Liberalisierung. Die hat wenig mit mehr Freiheit für Menschen zu tun, umso mehr mit der Freiheit zur Profitmaximierung.
    Die Heimlichtuerei um die Vertragsentwürfe, die sich einer echten Kontrolle durch demokratische gewählte Institutionen entziehen, lassen erhebliche Zweifel aufkommen. Wir rufen dazu auf, sich an den Demonstrationen zu beteiligen, die am 17. September in Stuttgart und weiteren 6 Großstädten gegen diese Verträge stattfinden werden.
  3. Wir haben es satt, dass unsere Lebensmittel zunehmend in Agrarfabriken hergestellt werden, während bäuerliche Betriebe, die ja auch einen großen Beitrag zur Landschaftspflege und zum Naturschutz leisten, auf der Strecke bleiben und um Almosen bitten müssen. Subventionen haben nur eine Berechtigung, wenn die Empfänger Leistungen für die Allgemeinheit und die Umwelt erbringen. Wer den Export von Agrarüberschüssen in die Länder der Südhalbkugel subventioniert und Monokulturen fördert, hilft beim Ruin von Fischerei und Landwirtschaft dort. Fluchtbewegungen nach Europa haben auch hierin ihre Ursache.
  4. Die NaturFreunde haben im vergangenen Jahr einen Preis der EU-Kommission für unsere Öffentlichkeitsarbeit zum Thema „Natura 2000“ erhalten. Das NaturFreunde-Projekt der Natura Trails fand in diesem Zusammenhang große Anerkennung. Im Rahmen dieser Arbeit ist eine Ausstellung entstanden, die in vielen Orten in Baden-Württemberg zu sehen ist. Umso widersprüchlicher ist es, wenn auf europäischer Ebene der Naturschutz zum Spielball vorrangig wirtschaftlicher Interessen gelockert werden sollte.
  5. Wir fordern, dass angesichts von weltweit circa 40 Millionen Flüchtlingen, das Elend nicht noch durch Waffenexporte angeheizt wird. Auch die Beteiligung der Bundeswehr an Einsätzen im Ausland, die nicht einmal durch die UN legitimiert sind, lehnen wir ab. Die Fluchtursachen werden nicht dadurch beseitigt, dass – wie vor wenigen Tagen bekannt und von „medico International“ verbreitet wurde – die staatliche deutsche Entwicklungshilfe-Agentur GIZ ein EU-finanziertes Projekt umsetzt, mit dem Eritrea und der Sudan dabei unterstützt werden, Grenzwächterwächter auszubilden. Zudem werden Aufnahmelager inklusive Hafträume für Flüchtlinge errichtet, es wird Überwachungstechnologie geliefert, um eine biometrische Datenbank zur Kontrolle von Flüchtlingen aufzubauen. Es ist weder auszuschließen, dass die diktatorischen Regierungen dieser Länder die Technologie zur Unterdrückung ihrer eigenen Zivilbevölkerung einsetzen, noch dass sie Gelder annehmen, ohne den mit verstärktem Grenzschutz noch lukrativeren Menschenhandel zu unterbinden, von dem sie selbst profitieren.
    Die unter S21-Gegnern auch als „Schwarze Mamba“ bekannte Tanja Gönner ist nach dem unrühmlichen Abgang von Herrn Mappus als Ministerpräsident Vorstandssprecherin dieser Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit.
  6. Die NaturFreunde setzen sich dafür ein, dass Menschen, die als Kriegsflüchtlinge oder weil sie um politisches Asyl bitten, bei uns – in einem der reichsten Länder der Welt – menschenwürdig behandelt werden. Das bedeutet nicht, dass wir jede kulturell und/oder religiös bedingte Eigenheit von Geflüchteten blind akzeptieren müssen, es bedeutet aber, dass wir offen sind, solidarisch mit den Geschundenen. Die allgemeine Basis, sozusagen die Geschäftsgrundlage für unser Zusammenleben, ist unser Grundgesetz und die Charta der Vereinten Nationen. Seit 1949 steht die Aussage von der Unantastbarkeit der Menschenwürde an erster Stelle unserer Verfassung. Sie war eine Reaktion auf die Unmenschlichkeit im 3. Reich und die Erfahrungen (auch vieler NaturFreunde) in der Emigration.

Einen, den die Nazis außer Landes drängten, will ich hier zitieren. Die Linken hielten ihn für konservativ und die Konservativen für allzu links. Als Emigrant schrieb er ein Theaterstück, das 1946 in Zürich seine Uraufführung hatte und in dem er sich auch mit dem Rassenwahn der vorausgegangenen 12 Jahre, deutsch-völkischer Überheblichkeit, die wir heute leider wieder erleben müssen, beschäftigte:

Carl Zuckmayer
Europa (Des Teufels General, 1946)

„Vom Rhein — noch dazu. Vom Rhein. Von der großen Völkermühle.
Von der Kelter Europas!
Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor — seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl,
braun wie `ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie,
das war ein ernster Mensch,
der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet.
Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär,
ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter,
ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak,
ein Schwarzwälder Flözer,
ein wandernder Müllerbursch vom Elsaß, ein dicker Schiffer aus Holland,
ein Magyar, ein Pandur,
ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant
— das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt
und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven
und der Gutenberg,
und der Matthias Grünewald
und — ach was, schau im Lexikon nach. Es waren die Besten, mein Lieber!
Die Besten der Welt! Und warum?
Weil sich die Völker dort vermischt haben.
Vermischt - wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen.
Vom Rhein - das heißt: vom Abendland. Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse.
Seien Sie stolz darauf, Hartmann
und hängen Sie die Papiere Ihrer Großmutter in den Abtritt. Prost!“

… und weil dem Carl Zuckmayer das Gendern noch unbekannt war und er sich in seinem Stück „Des Teufels General“ auf die sogenannte Völkermühle am Rhein bezog, ein aktueller Zusatz:

Zu der zitierten Ahnenreihe seit Christi Geburt zählen natürlich auch:

  • die Westgotin, die während der Völkerwanderung nach Spanien kam und deren Nachkommen sich viel später vor den Toren von Daimler Benz in Sindelfingen niederließen;
  • die niederländische Tulpenhändlerin, die am Fuße der Alb hängen blieb;
  • die böhmische Marketenderin im Tross von Wallenstein;
  • die russischen Prinzessinnen und ihre Hofdamen im Haus und/oder Bett der Könige von Württemberg am Neckar;
  • die Töchter des italienischen Stuckateurs Giovanni Domenico Rosso auf Burg Ehrenbreitstein;
  • die ungarische Köchin im Palais des Erzbischofs von Würzburg.

Auch diese Liste ließe sich beliebig ergänzen und zeugt von der Vielfalt in Europas Mitte, die sich Deutschland nennt.

Kurz vor seinem 90. Geburtstag beantwortete der in Breslau geborene und vor wenigen Monaten verstorbene amerikanische Historiker Fritz Stern Fragen zur jüngsten Entwicklung in Europa und Nordamerika.

Er betrachtete den Aufstieg von Politikern wie Donald Trump und den Rechtsruck in europäischen Ländern wie Ungarn, Polen und Österreich mit großer Sorge und sprach davon, dass man in einem neuen „Zeitalter der Angst“ lebe, in dem Angst bewusst geschürt und von der politischen Rechten ausgenutzt werde. Er sagte dabei auch: „Ich bedauere manchmal, dass ich aufgewachsen bin mit dem Ende einer Demokratie und jetzt, am Ende meines Lebens, noch einmal um die Demokratie kämpfen muss. Ein trauriges Gleichgewicht.“

Wer heute als selbsternannter Deutsch-Alternativer oder gar als Stiefel- oder Nadelstreifen-Nazi, von 1000-jähriger deutscher Kultur faselt und Ängste vor Überfremdung schürt, kennt wenig von der Geschichte Mitteleuropas. Sein Land, das er angeblich verteidigen will, gab es nur als Ideologie im „Tausendjährigen Reich“. Und das wurde mit freundlicher Unterstützung des Auslands auf 12 Jahre verkürzt.

Trotz der äußerlichen Gegensätze und der unterschiedlichen Methoden ihre Ziele durchzusetzen, herrscht im Kern eine enge Seelenverwandtschaft zwischen religiösen und nationalistischen Fanatikern aller Richtungen.

Seperatistische Evangelikale aus dem Schwarzwald, Padre Pius Anhänger aus Süditalien, ultra-orthodoxe Juden, hinduistische Fundamentalisten, Anhänger eines rückwärts gewandten Islam (von dem der Gründer der türkischen Republik Kemal Atatürk sagte, er sei „ein verwesender Kadaver, der unser Leben vergiftet“): Ihnen allen ist gemeinsam ein antimodernes Ressentiment, die Sehnsucht nach homogener, patriarchal-autoritärer Volks- und/oder Glaubensgemeinschaft.

Denen, die Angst schüren und reaktionäre Gesellschaftsmodelle propagieren, sollten wir uns zusammen mit allen gutwilligen, demokratisch gesinnten Menschen, Gruppen, Initiativen widersetzen.

In diesem Sinne „Berg frei und Mensch frei!“

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Naturfreundehaus Steinknickle
© 
71543 Wüstenrot-Neuhütten
Übernachtungsplätze vorhanden
Verpflegung nach Absprache

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